So macht die Blockchain das Zeugnis sicher

Artikel Bild Digitales Zeugnis

Endlich Abi! Doch das Papierzeugnis ist unsicher und umständlich – gerade in Zeiten digitaler Bewerbungsprozesse. Mit der Blockchain-Technologie lässt sich das Dilemma digital lösen. Im Rahmen der Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG) wird derzeit an einer Lösung gearbeitet.

Das Schulzeugnis mit analogem Zertifikat

Schade, dass es keine statistische Auswertung gibt, wie lange ein Deutscher im Durchschnitt in gebückter Haltung alte Ledermappen und verstaubte Schrankschubladen durchforstet. Hier muss doch irgendwo mein Zeugnis sein! Denn einst wie heute werden die Zertifikate Schülern in Papierform in die Hand gedrückt. Das ist inzwischen ein Anachronismus, denn bei Bewerbungen – etwa in vielen Unternehmen und für Studiengänge an Universitäten – müssen die Nachweise längst gemailt oder im Internet hochgeladen werden. Die Nachteile der Papierdokumente sind offensichtlich: Das Einscannen verschlechtert die Qualität, zudem sind sie leicht manipulierbar. „Die Gefahr für Betrug ist sehr hoch”, warnt Eric Stange, Leiter Strategie im Bereich Trusted Data Solutions bei der Bundesdruckerei GmbH.

Zudem bedeuten Papierdokumente unnötige Arbeit und Kosten: Bewirbt sich ein Schüler zum Beispiel auf einen Studienplatz, wird in der Regel eine beglaubigte Kopie des Abiturzeugnisses verlangt. Die kostet nicht nur, sondern bindet im Bürgeramt auch wertvolle Beamtenzeit. Auch beim Empfänger des Zeugnisses müssen Noten abgetippt, die Echtheit geprüft und Archive verwaltet werden. Allein die Stiftung für Hochschulzulassung, die zentrale Stelle für zulassungsbeschränkte Studiengänge in Deutschland, hat es jedes Jahr mit Tausenden Bewerbungen zu tun. Entsprechend niedrig ist die Akzeptanz für Papier-Zeugnisse: Laut einer repräsentativen Umfrage der Bundesdruckerei hält sie jeder zweite Deutsche nicht mehr für zeitgemäß. Besonders groß ist das Unverständnis bei Menschen unter 30 Jahren.

Digitales Zeugnis entsteht

Verwaltungen und Politik haben das Problem solch verstaubter Prozesse längst erkannt und gehen es im Zuge der Umsetzung des 2017 verabschiedeten OZGs nun an. Laut Gesetz müssen Bund, Länder und Kommunen ihre Leistungen bis Ende 2022 auch digital anbieten. Das digitale Zeugnis gehört dazu.

Im OZG-Umsetzungsprojekt „Digitales Schulzeugnis“ sollen die Probleme gelöst werden. Die Ziele des Projekts: Einen sicheren, digitalen Austausch von Schulzeugnissen ermöglichen. Künftig sollen die aufwändigen Beglaubigungen von Kopien der Zeugnisse sowie der Qualitätsverlust durch Einscannen oder Tippfehler entfallen. Zeugnisse sollen künftig digital archiviert sowie maschinenlesbar und automatisiert weiterverarbeitet werden können. Manipulationen sollen durch Einsatz der Blockchain-Technologie ausgeschlossen werden und der Aussteller des Zeugnisses soll jederzeit nachvollziehbar sein. Zudem soll es nur eine Lösung für alle Bundesländer geben. Da die Länder aber mit eigenen Schulverwaltungssystemen arbeiten, muss die Lösung kompatibel sein. Wenn das gelingt, kann sie per Schnittstelle in bestehende Schulverwaltungssysteme integriert werden.

Im Themenfeld „Bildung“ hat das Bundesland Sachsen-Anhalt, vertreten durch das Ministerium der Finanzen des Landes Sachsen-Anhalt, die Federführung inne und steuert das OZG-Umsetzungs­projekt „Digitales Schulzeugnis“ als Projekteigentümer. Die OZG-Leistung „Schulzeugnis“ wurde mittels eines Digitalisierungslabors als Umsetzungs­projekt konzeptioniert. Die Bundesdruckerei setzt das Projekt um. Um die Sicherheit von Blockchain-Anwendungen wie dem digitalen Zeugnis weiter zu erhöhen, haben sich die Experten in Behörden und Politik ein besonderes Set-up ausgedacht. Die gesamte Blockchain-Infrastruktur wird von der govdigital eG betrieben, einer Genossenschaft aus 15 IT-Dienstleistern, die alle im Staatsbesitz sind. Die Bundesdruckerei ist als Gründungsmitglied von Anfang an dabei. Auch die beteiligten Rechenzentren gehören dem Staat.

 

Prototyp entwickelt

Die Bundesdruckerei hat bereits einen Prototypen für das digitale Schulzeugnis entworfen. Dabei gab es einige Anforderungen zu beachten: Die Lösung sollte die föderale Verantwortung des Themas abbilden, also Daten dezentral in Verantwortung der einzelnen Länder vorhalten und archivieren können. Jeder, der im Besitz des Zeugnisses ist, soll die Echtheit des Dokuments sowie die ausgebende Institution einfach und jederzeit überprüfen können. Ebenso wichtig ist die Datenhoheit der Schüler – die Lösung muss DSGVO-konform sein und die Kontrolle der Daten durch die Schüler ermöglichen. „Für eine breite Akzeptanz ist auch entscheidend, dass kein zusätzlicher Schulungs- und Verwaltungsaufwand entsteht“, weiß Michael Stelzner, Senior Consultant im Bereich Trusted Data Solutions bei der Bundesdruckerei GmbH.

Die Idee zur Umsetzung der Anforderungen: Die Lösung wurde webbasiert entwickelt – somit ist keine Installation nötig und sie läuft automatisch im Browser. Individuelle Zeugnis-Layouts, wie sie auch heute analog üblich sind, werden weiterhin möglich sein. Zudem kann das Zeugnis weiterhin auch ausgedruckt werden. Ein wichtiger Aspekt: Es werden in der Blockchain keine persönlichen Daten gespeichert, sondern nur Prüfsummen hinterlegt.

„Die verifizierten Zeugnisse bedeuten für alle Beteiligten weniger Kosten und Aufwand."
Judith Gerlach (CSU), Staatsministerin für Digitales
https://www.sueddeutsche.de/bayern/blockchain-digitales-siegel-fuer-zeugnisse-1.4689513

Und so soll das digitale Zeugnis künftig funktionieren: Die Schüler bekommen – neben der Papierurkunde – eine PDF-Datei. Sie kann beliebig oft kopiert und weitergegeben werden. Der digitale Fingerabdruck des Dokuments, der sogenannte Hash-Wert, wird in der Blockchain gespeichert. Einmal in die Blockchain geschriebene Daten können nicht mehr verändert werden, Manipulation ist ausgeschlossen. Erlaubt ist das Schreiben in die Blockchain ohnehin nur autorisierten Stellen, zum Beispiel Schulen, die aber wiederum auch autorisiert werden müssen, zum Beispiel von einer Landesschulverwaltung. Der Hash-Wert besteht aus 66 Zeichen und ist – in Kombination mit der Identität der ausgebenden Schule – eindeutig, ohne dabei Rückschlüsse auf die Inhalte des Zeugnisses zuzulassen. Wer das Zeugnis bekommt, muss dann nicht mehr rätseln oder aufwendig recherchieren, ob das Dokument echt ist. Mit einem Online-Prüfservice oder über eine Schnittstelle in der Verwaltungssoftware lässt sich die Überprüfung innerhalb von Sekundenbruchteilen erledigen.

Erstellung und Validierung digitaler Schulzeugnisse, Quelle: Bundesdruckerei GmbH

Erstellung und Validierung digitaler Schulzeugnisse, Quelle: Bundesdruckerei GmbH

Auch vollautomatische Prüfung möglich

Diese Art von Zeugnissen können auch vollautomatisch geprüft werden. Das erleichtert etwa Zulassungsstellen, wo jährlich tausende Zeugnisse eingehen, die Arbeit enorm. Dabei wird der zur Datei gehörende Hash-Wert errechnet und in der Blockchain abgefragt. Stimmt der Wert, ist das Zeugnis echt. „Die Lösung ist so konzipiert, dass Bildungseinrichtungen kaum zusätzlichen Aufwand haben – im Gegenteil: Unter dem Strich sinken Kosten und Personalaufwand”, erklärt Stange.

Damit die Prüfung so schnell erfolgen kann, enthält das Digital-Zeugnis einen maschinenlesbaren Teil, eine sogenannte XML-Datei. Damit könnte eine Hochschule die Zertifikate maschinell und exakt entlang der Bedürfnisse verarbeiten. Das könnte zum Beispiel so aussehen: Eine naturwissenschaftliche Fakultät ist vor allem an der Physik-Note und dem Zeitraum des Abiturs interessiert. Über das Campusmanagement-System könnten diesen Daten nun automatisiert ausgelesen werden. Die einzelnen PDF-Dateien müsste niemand mehr öffnen. „Wir haben unsere Technologie mit verschiedenen Systemen ausgiebig getestet, zum Beispiel mit dem Schulverwaltungssystem SCHILD, das in ganz Nordrhein-Westfalen eingesetzt wird”, sagt Stange. „Der Praxistest ist bestanden.”

„Elektronische Bewerbungsverfahren sind mittlerweile in vielen Bereichen Standard.“
Dr. Wolfgang Radenbach, Universität Göttingen, Abteilung Studium und Lehre
https://idw-online.de/de/news685526

Mit dem Prototypen, einer Live-Demonstration, hat die Bundesdruckerei also die technische Machbarkeit des Vorhabens bewiesen. Sie hat eine Infrastruktur errichtet, die eine vollständige digitale Ausstellung und Prüfung von Zeugnissen zulässt. Jetzt läuft das Projekt deutschlandweit an. Das Gesamtvorhaben ist in vier Bearbeitungsphasen sowie den Betrieb in der Initialphase strukturiert. Das Ziel: Bis Ende 2022 soll das technische System zur Verfügung stehen. Ab 2023 sollen dann Zeugnisinhaber all ihre Zeugnisse bundeseinheitlich und ortsunabhängig über eine Online-Plattform und ein Wallet aufrufen, als XML-basiertes, zertifiziertes PDF herunterladen und per Link anderen Stellen volle oder eingeschränkte Leseberechtigung erteilen können.

Zeugnis mit Bewertungsskala und Lesebrille
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