In spätestens fünf Jahren gibt die erste Zentralbank eine Blockchain-basierte Währung heraus

Kryptowährung

Im Interview spricht der Forscher Dr. Ingo Fiedler von der Universität Hamburg über Kryptowährungen, ihre Bedeutung für die Gesellschaft und ihr Zukunftspotenzial.

Sie glauben, Bitcoins sind einzigartig? Weit gefehlt – es gibt mittlerweile hunderte von Kryptowährungen weltweit. Zeit, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Wir haben Dr. Ingo Fiedler befragt, der an der Universität Hamburg zu Kryptowährungen forscht, und wollten wissen: Müssen wir Bitcoins & Co ernst nehmen?

Dr. Ingo Fiedler

Dr. Ingo Fiedler, Post Doc Researcher an der Universität Hamburg

Kryptowährungen und ihr Zukunftspotenzial

Herr Dr. Fiedler, Ethereum, Ripple, OmiseGo, Qtum, Stellar Lumens – da schwirrt einem der Kopf. Heute gibt es mehrere Hundert Kryptowährungen, die die wenigsten Menschen kennen. Haben wir etwas verpasst?

Dr. Fiedler: Das Thema hat mehrere Aspekte. Wenn Sie mich nach der gesamtgesellschaftlichen Bedeutung von Kryptowährungen fragen, antworte ich: Sie sind nicht so wichtig. Das ändert sich aber schlagartig, wenn eine Zentralbank plötzlich eine Kryptowährung herausgeben würde.

Sehen Sie diese Entwicklung in naher Zukunft auf uns zukommen?

Dr. Fiedler: Ja, durchaus. Das halte ich innerhalb der nächsten fünf Jahre für sehr realistisch. Manche Länder, wie Großbritannien, experimentieren bereits damit. Dann wäre die Kryptowährung eine andere Distributionsform der gültigen Währung, also beispielsweise des Britischen Pfunds. Sie hätte den gleichen Wert wie das Pfund und würde parallel zu Bargeld und Giralgeld existieren. Das wäre quasi ein Blockchain basiertes Pfund.

Welchen Vorteil hätte eine solche virtuelle Währung?

Dr. Fiedler: Eine solche Blockchain-basierte Kryptowährung hat hervorragende Eigenschaften und wäre in mancher Hinsicht besser als eine zentral abgewickelte Digitalwährung. Eine Überweisung mit Kryptowährung würde viel schneller gehen als eine herkömmliche SEPA-Überweisung. Auch die Geldwäschebekämpfung wäre durch vollständige Transparenz deutlich leichter – beispielsweise wäre es denkbar, dass Anbieter von Online-Glücksspielen im Sinne eines White-/Blacklistings nur noch diese – legale – Kryptowährung akzeptieren. Die Geldschöpfung in der Realwirtschaft könnte sich dadurch auch verschieben: Jeder Bürger könnte einen eigenen Account bei der Zentralbank erhalten. Das würde die Geldmengensteuerung eines Landes vereinfachen und sie effizienter, direkter und transparenter machen.

Warum gibt es so viele Kryptowährungen?

Dr. Fiedler: Sie werden für unterschiedliche Zwecke auf den Markt gebracht. Bitcoins beispielsweise sind weniger eine Währung, sondern haben eher eine Wertaufbewahrungsfunktion – ähnlich wie Gold. Sie werden kaum dafür verwendet, Waren zu bezahlen, weil die Transaktionskosten – ebenfalls wie bei Gold – zu hoch sind. Auch sind die Wertschwankungen hoch, was mit dem jungen Reifegrad der Bitcoins und der im Vergleich zu etwa Gold geringen Zahl der Anteilshalter zu tun hat. Andere Kryptowährungen fungieren eher als „Utility Token“ für bestimmte Dienstleistungen, etwa für „Smart Contracts“ – so genannte selbstauslösende Verträge – oder zum Telefonieren in afrikanischen Ländern.

Kann man mit Kryptowährungen Geld verdienen?

Dr. Fiedler: Ja, vor allem, wenn man sie herausgibt. Der Markt ist aktuell gekennzeichnet von einer hohen Zahlungsbereitschaft sehr reich gewordener früher Anleger. Bei ihnen sitzt das Geld locker und deswegen ist mit der Herausgabe neuer Kryptowährungen oder Blockchain-basierter Token derzeit viel Geld zu verdienen.

Mit Kryptowährungen ist derzeit viel Geld zu verdienen.
Dr. Ingo Fiedler, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Hamburg

Welches ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Kryptowährung?

Dr. Fiedler: In der Zukunft werden alle von Zentralbanken herausgegebenen Kryptowährungen an Bedeutung gewinnen. Aber die gibt es augenblicklich noch nicht. Von den derzeit vorhandenen Kryptowährungen werden sich meines Erachtens nur drei entwickeln. Das sind zum einen Bitcoins, die zwar technisch deutlich unterlegen sind, aber den größten Netzwerkeffekt haben und zum zweiten Ethereum, welches etwa bei Unternehmensfinanzierungen eine Rolle spielen wird und „Smart Contracting“-Möglichkeiten bietet.

Und der dritte Krypto-Blockbuster?

Dr. Fiedler: Das ist eine Währung, die auf einem „Directed Acyclic Graph“ (DAG) aufbaut – quasi eine multidimensionale Blockchain – und hoch skalierbar ist. Hier ist als erste DAG-basierte Währung IOTA zu nennen, das im Gegensatz zur „normalen“ Blockchain umso besser funktioniert, je mehr Transaktionen vorgenommen werden.

Was zeichnet IOTA sonst noch aus?

Dr. Fiedler: IOTA hat keine Transaktionskosten und ist deshalb sehr interessant für Micro- und Nanopayments. Transaktionen können auch offline durchgeführt werden, was sie für den Logistikmarkt spannend macht. Diese brandneue Kryptowährung ist noch nicht zu Ende entwickelt und ein Experiment, das durchaus auch scheitern kann. Ich sehe aber sehr viel Potenzial in dieser Technologie.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Fiedler.

Info Dr. Ingo Fiedler

Ingo Fiedler (34) ist Gastprofessor an der Concordia University in Montreal/Kanada und Post Doc Researcher an der Universität Hamburg. An der Universität Hamburg hat er sowohl Betriebswirtschaft als auch Volkswirtschaft studiert und mit höchsten Auszeichnungen promoviert. An der University of California in Berkeley/USA und der Concordia University in Montreal absolvierte er Stationen als Gastwissenschaftler. Fiedler ist Autor von sechs Fachbüchern und rund 40 wissenschaftlichen Fachartikeln. Seine Expertise wird regelmäßig von politischen Entscheidungsträgern im In- und Ausland angefragt, etwa von Ministerien auf Bundes- und Landesebene, dem Bundestag oder dem Europäischen Parlament. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Themen Glücksspiele, Blockchain, Kryptowährungen und Geldwäsche. Aktuell wirbt er mit seinem Team an der Universität Hamburg Forschungsmittel beim Bundeswirtschaftsministerium für ein Projekt zu dezentralen, Blockchain-basierten Energiemärkten ein.

Info Kryptowährungen

Kryptowährungen sind digitale Zahlungsmittel, die man im Internet erwerben kann. Aktuell (2017) gibt es über 3.000 unterschiedliche Kryptowährungen. Sie werden von Privatpersonen geschöpft und unterstehen keiner hoheitlichen Organisation. Sie basieren auf der Blockchain-Technologie. Die bekannteste Kryptowährung sind Bitcoins, die seit 2009 gehandelt werden. Kryptowährungen unterliegen starken Kursschwankungen. Mit Kryptogeld kann man direkt digital bezahlen und benötigt dafür keine Bank. Es ist kein gesetzliches Zahlungsmittel. Die deutsche Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) stuft die Kryptowährung Bitcoin als eine mit Devisen vergleichbare Werteinheit ein.