Warum der Staat selbst die E-Government-Infrastruktur umsetzen sollte

Vier Gründe, warum der Staat selbst die E-Government-Infrastruktur auf- und umsetzen sollte

Bei der Digitalisierung der Verwaltung kann der Staat unterschiedliche Rollen spielen: vom bloßen Rahmengeber über die Rolle als Anbieter von Teilkomponenten bis hin zum Betreiber der nötigen E-Government-Architektur. Unser Experte Patrick von Braunmühl, Abteilungsleiter Public Affairs, ist der Meinung, dass der Staat selbst die Architektur auf- und umsetzen sollte.

Die Frage lautet: intern oder extern? Wie soll ein so komplexes Projekt wie die umfassende Einführung von E-Government-Strukturen realisiert werden? Sollte der Staat diese Aufgabe selbst übernehmen? Drei Rollen sind dabei denkbar:

Patrick von Braunmühl

Unser Experte Patrick von Braunmühl ist Abteilungsleiter Public Affairs.

  1. Der Staat könnte als bloßer Rahmengeber auftreten, also rechtliche Vorgaben machen oder auch konkretere technische Richtlinien erlassen, beispielsweise durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI).
  2. Oder er könnte neben dem bloßen Rechts- und Ordnungsrahmen konkret (digitale) Identitäten als zentrale Teilkomponente der E-Government-Architektur anbieten, also beispielsweise den elektronischen Personalausweis, mit dem sich Bürger für Interaktionen mit der Verwaltung über das Internet identifizieren können. Die übrigen Komponenten der Architektur könnten durch nichtstaatliche Stakeholder entwickelt und bereitgestellt werden – Community-basiert, als Public-Private-Partnership oder rein privatwirtschaftlich organisiert.
  3. Oder der Staat wird Infrastrukturanbieter und entwickelt und betreibt die gesamte E-Government-Infrastruktur selbst.
„Die Digitalisierung“ wird nie fertig sein und kann deshalb von der Verwaltung auch nicht einfach als Ganzes eingesetzt und von außen gewartet werden.

Unseres Erachtens gibt es nur einen Weg, der wirklich Erfolg versprechend ist: nämlich von der Privatwirtschaft zu lernen, aber staatlich umzusetzen. Diese vier Aspekte sprechen dafür:

Grund 1: Iterative Prozesse mögen kein Outsourcing

Bei der Digitalisierung von Prozessen empfiehlt sich ein iteratives, also schrittweises Vorgehen. „Die Digitalisierung“ wird zudem nie fertig sein und kann deshalb von der Verwaltung auch nicht einfach als Ganzes eingesetzt und von außen gewartet werden. Vielmehr wird es in diesem Prozess sowohl am System selbst als auch bei den Dienstleistungen dauerhaft Änderungen und Anpassungen geben. Entsprechend wird es nicht möglich sein, ein vollständig konzipiertes Design und ein bis zum Ende gedachtes E-Government-System extern von privaten Unternehmen entwickeln, integrieren und warten zu lassen. Der Aufwand, Anpassungswünsche oder Fehler zu beschreiben und zu kommunizieren, ist zu groß. Bei einem nutzerzentrierten Ansatz etwa müssen die Software-Funktionalitäten laufend auf ihre Wirksamkeit und Nutzungshäufigkeit überprüft werden. Das geht nur mit regelmäßigen Befragungen und Nutzungsanalysen. Entwickelt die Verwaltung die Systeme selbst, können Anpassungen und fortlaufende Ausgestaltung von Beginn an mitgedacht werden. Befände sich das Know-how dafür hauptsächlich in der Hand externer Akteure, so wäre die Verwaltung permanent dysfunktionaler Kommunikation und Aufwand ausgesetzt. Dies ist weder effizient noch aus Kostensicht als sinnvoll zu qualifizieren.

Grund 2: Fehlendes Fachwissen erschwert die Kontrolle

Durch die Auslagerung an Externe würde sich der Staat möglicherweise in eine Abhängigkeit begeben, die sich negativ auswirken kann. Dazu kann fehlendes internes Fach-Know-how beitragen, etwa wenn Leistungsanforderungen in Verträgen nicht eindeutig beschrieben werden können und die Qualität der extern erbrachten Leistungen nicht beurteilt werden kann. Eine Kontrolle und ein rechtzeitiges Eingreifen bei Fehlentwicklungen werden dadurch massiv erschwert.

Grund 3: Internes Know-how wird nicht verschenkt

In den Verwaltungen gibt es ein wertvolles Wissen über die Details und Feinheiten der Administrationsprozesse. Dies ist wichtig, um Digitalisierungsprozesse von Anfang an richtig aufsetzen und effizient umsetzen zu können. Darüber hinaus wird es jedoch nötig sein, IT-Experten und Entwickler, die sich mit Programmiersprachen und der Weiterentwicklung von Systemen auskennen, als hausinterne Ressource einzustellen. Auch Experten für die Architektur der Infrastruktur sollten den Mitarbeiterstab der Behörde in dieser Hinsicht ergänzen. Dadurch macht sich der Staat auch als attraktiver Arbeitgeber für IT-Berufe interessant. Eigenentwickelte Lösungen auf Basis des internen Wissens sorgen dafür, dass wichtige Anforderungen bedacht und Fehler schneller erkannt werden. Die interne Umsetzung durch den Staat selbst erhöht das Gefühl der Verantwortlichkeit und die Motivation innerhalb der eigenen Belegschaft. Baut der Staat selbst die E-Government-Architektur, wird sie von der Belegschaft eher als eigenes Projekt angenommen, was für den Erfolg eines solch komplexen Großprojekts wesentlich ist.

Baut der Staat selbst die E-Government-Architektur, wird sie von der Belegschaft eher als eigenes Projekt angenommen, was für den Erfolg eines solch komplexen Großprojekts wesentlich ist.

Grund 4: Der Staat bleibt unabhängig

Die Umsetzung von E-Government-Vorhaben bedeuten meist langfristige Projekte. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass private Anbieter in einem ständig fluktuierenden technischen und wirtschaftlichen Umfeld unerwartet in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Aufgrund der Beschaffenheit und Komplexität eines Outsourcing-Auftrags ist es im Falle einer Insolvenz nicht möglich, ohne signifikante Friktionen einen anderen Anbieter zu wählen. Die Gefahr, dass es bei der digitalen Transformation der Verwaltung zu einer schädlichen technischen Flickschusterei kommt oder gar völlig neu begonnen werden muss, ist kein unrealistisches Szenario. Zudem kann die Abhängigkeit von externen Dienstleistern zu Interessenkonflikten führen. Etwa wenn der Staat einerseits auf die privat angebotenen Dienste angewiesen ist, andererseits aber zugleich diese Unternehmen zu überprüfen und zu überwachen hat. Letztlich kann durch die eigene Umsetzung auch keine Wettbewerbsverzerrung zugunsten großer Anbieter von IT-Dienstleistungen entstehen.

Fazit

Zusammenfassend ist es aus unserer Sicht unbedingt empfehlenswert, dass der Staat Aufbau und Umsetzung der E-Government-Architektur in die Hand nimmt. Um das Projekt erfolgreich zu gestalten, sollte er sich möglichst an den Erfolgsfaktoren und den Erfahrungen von Projekten aus der Privatwirtschaft und an international erfolgreichen Umsetzungen von Digitalisierungsprojekten orientieren. Weitere Empfehlungen für eine erfolgreiche Digitalisierung der Verwaltung geben wir in unserer Studie „Zukunft E-Government“.

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