Vorher gestalten statt „Hinterher-Regieren“

Magazin-KI-Observatorium

„Neuartig, interdisziplinär, agil“ – so beschreibt sich die „Denkfabrik Digitale Arbeitsgesellschaft“. Sie wurde als Experimentierraum des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) geschaffen. Ein ungewöhnliches Konzept für ein Bundesministerium. Ihr neuestes Projekt: das KI-Observatorium, das seit März 2020 arbeitet.

Mitdenken, mitgestalten und sich austauschen

Zehn gut gelaunte, meist junge Menschen auf einem Foto, fünf davon Frauen und nur einer – nämlich der Bundesarbeitsminister – mit Schlips: So präsentiert sich das Team der „Denkfabrik Digitale Arbeitsgesellschaft“ mit seinem „Dienstherrn“ auf der eigenen Website. Ihr Motto: vorher gestalten statt „Hinterher-Regieren.“

Der Ansatz: Handlungsfelder für das BMAS früh identifizieren, die Arbeitswelt stärker im gesellschaftlichen Kontext erfassen und ein größeres Bild der Arbeitsgesellschaft der Zukunft entwerfen. Alle Menschen und Einrichtungen, die sich mit der digitalen Transformation in der Arbeitswelt befassen, sind eingeladen, mitzudenken, mitzugestalten und sich durch Austausch zu beteiligen. Schon jetzt besteht das Netzwerk aus Akteuren aus Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur. Die Besonderheit: Die Einrichtung verbindet die Funktionen und Arbeitsweisen eines klassischen Thinktanks und eines zeitgenössischen Future Labs. Ihre Themen sind zum Beispiel künstliche Intelligenz und Arbeitswelt, Arbeitsbedingungen in der Plattformökonomie oder der Beschäftigtendatenschutz. Ein aktuelles Thema etwa ist die Frage, wie sich der Arbeitsalltag nach Corona entwickelt.

Warum geht das BMAS diesen Weg? In den nächsten zehn bis 15 Jahren werden deutschlandweit vier Millionen Arbeitsplätze durch die Digitalisierung wegfallen. Gleichzeitig werden rund 3,3 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen – über alle Branchen hinweg. Diesen Wandel der Arbeit gilt es zu gestalten. „Um die digitale Transformation zu verstehen und positiv zu gestalten, braucht es interdisziplinäre Netzwerke und Kooperationen. Hier setzt die Denkfabrik mit ihrem partizipativen Ansatz an“, sagt der zuständige Staatssekretär Björn Böhning. Deshalb arbeitet sie mit wissenschaftlichen Methoden der strategischen Vorausschau, beobachtet Trends in Technologie, Ökonomie und Gesellschaft und will so den Wandel gemeinsam mit Wissenschaft, Wirtschaft und Sozialpartnern gestalten.

Neue Wege der Zusammenarbeit und Partizipation

Die Denkfabrik – Teil der ebenfalls neu eingerichteten BMAS-Abteilung „Digitalisierung und Arbeitswelt“ – entwickelt ihre Fragestellungen, Arbeitsschwerpunkte und konkreten Maßnahmen im engen Austausch mit dem BMAS. Sie erprobt neue Wege der Zusammenarbeit und neue Methoden der Partizipation. Organisiert in drei Teams, sind die Mitarbeiter projektbezogen in Gruppen tätig. Die eine Hälfte der Kollegen kommt aus dem Ministerium, die andere Hälfte des Teams war zuvor in anderen Bereichen tätig.

Wir dürfen nicht nur entwickeln und wirtschaftlich verwerten, wir müssen auch das Arbeits- und Lebensumfeld mitgestalten.
Hubertus Heil, Bundesminister für Arbeit und Soziales

Die unterschiedlichen Arbeitsweisen und die breit gestreute fachliche Expertise bieten aus BMAS-Sicht eine gute Grundlage für alle Projekte, egal ob es um Analysen für das BMAS, politische Regelungskonzepte oder den Austausch mit Stakeholdern geht. Das neueste Projekt der Denkfabrik ist das „Observatorium Künstliche Intelligenz in Arbeit und Gesellschaft“, kurz: KI-Observatorium. Es agiert im Rahmen der KI-Strategie der Bundesregierung und konzentriert sich auf die Frage nach den Auswirkungen von KI auf Arbeit und Gesellschaft. Je nach Thema arbeiten nationale und internationale externe Experten u. a. aus Gewerkschaften, Unternehmen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft mit, etwa in Form zeitlich begrenzter Labs, Workshops oder Projektgruppen.

Nicht in Angst erstarren

„Wir dürfen nicht nur entwickeln und wirtschaftlich verwerten, wir müssen auch das Arbeits- und Lebensumfeld mitgestalten“, betonte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil in Bezug auf die Schlüsseltechnik, als er im Frühjahr 2020 den Startschuss für das KI-Observatorium gab. Staat und Wirtschaft müssten KI-Projekte in der Arbeitswelt „mit Beschäftigten zusammen machen, nicht gegen sie“, unterstrich Heil. Die Technik sollte sicher und vertrauenswürdig sein, damit die Gesellschaft nicht in Angst davor erstarre. Prinzipiell habe KI auch das Potenzial, Jobs „sicherer und gesünder“ zu machen. Aber Datenschutz und Persönlichkeitsrechte müssten gewahrt bleiben.

Aber woran genau arbeitet das KI-Observatorium? Die Arbeit gliedert sich in fünf Handlungsfelder:

  1. Technologie-Foresight und Technikfolgenabschätzung
    Was macht KI mit Arbeit, Erwerbstätigen und der Gesellschaft? Wie gestalten wir den Umgang mit KI in der betrieblichen Praxis?
  2. KI in der Arbeits- und Sozialverwaltung
    Wie kann KI Prozesse für die Bürger besser machen? Nach welchen Kriterien wählen wir KI-Anwendungen aus und setzen diese ein?
  3. Ordnungsrahmen für KI und soziale Technikgestaltung
    Welche Regeln und Institutionen brauchen wir für eine sichere, transparente und nachvollziehbare KI? Wie gestalten wir die Schnittstelle Mensch-KI?
  4. Aufbau internationaler und europäischer Strukturen
    Welche supra-/internationalen Regeln und Institutionen brauchen wir für einen verantwortungsvollen Umgang mit KI?
  5. Gesellschaftlicher Dialog und Vernetzung
    Wie befähigen und beteiligen wir Stakeholder an der Debatte zu KI-Politik? Wie machen wir KI für die ganze Gesellschaft nutzbar?

KI-Lab und europäische Lösungen

Schon fortgeschritten sind die Pläne für ein KI-Lab. Dort sollen Fragen wie „Welche Daten stehen zur Verfügung?“, „Welche Best-Practice-Beispiele gibt es bereits?“ oder „Wo stecken weitere Potenziale?“ erforscht werden. Thema ist auch die Ausgestaltung einer sicheren und vertrauenswürdigen KI. Staatssekretär Böhning verweist darauf, wie bedeutend es ist, europäische Lösungen zu entwickeln: „Während wir noch lange nicht alles über KI, ihre Potenziale und Entwicklungsmöglichkeiten wissen, müssen wir trotzdem dafür sorgen, dass KI-basierte Produkte genauso sicher, transparent und vertrauenswürdig sind wie jedes andere Produkt auch. Das KI-Observatorium arbeitet mit an der Gestaltung eines europäischen Rechtsrahmens für vertrauenswürdige KI. Außerdem werden dort gerade die Anforderungen für ein Ökosystem der Sicherheit und des Vertrauens im Umgang mit KI in Arbeit und Gesellschaft entwickelt.“ Beim Aufbau internationaler und europäischer Strukturen konzentriert sich das KI-Observatorium aktuell auf die Zusammenarbeit mit der OECD und ihrem Ende Februar eingerichteten AI Observatory sowie der European AI Watch auf EU-Ebene.

Mit Informationsangeboten, Social-Media-Aktivitäten, Live-Gesprächen und Workshops will das KI-Observatorium sicherstellen, dass möglichst viele Teile der Gesellschaft KI verstehen und daran teilhaben können. Deshalb denkt das Observatorium die Digitalisierung konsequent und systematisch von den Menschen und ihren sozialen und gesellschaftlichen Beziehungen her. Dahinter steht die Überzeugung, dass auch in einer sich stetig wandelnden digitalen Wirtschaft Arbeitsverhältnisse an den Bedürfnissen der Beschäftigten und an den Anforderungen an gute Arbeit orientiert sein können.

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