Facharzt Dr. Digital

Facharzt Dr. Digital
Kristin Hüttmann und Willing-Holtz (Foto)

Digitale Anwendungen erobern die Medizin und eröffnen Patienten, Ärzten, Kliniken und Unternehmen ganz neue Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten. Das Potenzial ist riesig, aber kommt es auch in der Praxis an?

Der Befund von Thomas Wilken liest sich wie ein kardiologisches Fachbuch: Mitralklappeninsuffizienz, koronare Zweigefäßerkrankung, ischämische Kardiomyopathie, Hauptstammstenose. Kurz: Es stand nicht gut um den damals 63-Jährigen, als er vor zwei Jahren wegen geschwollener, schmerzender Beine ins Krankenhaus ging und unerwartet eine siebenstündige Herzoperation über sich ergehen lassen musste.
„Der Arzt meinte, ich hätte keinen weiteren Tag überlebt“, sagt Wilken heute. Dabei hatte er sich zuvor fit gefühlt – abgesehen von kleineren Beschwerden. Umso größer der Schock, wie aus dem Nichts mit dem Tod konfrontiert zu werden. Kein Wunder, dass Wilken seither große Ängste begleiten. Jedes Herzklopfen macht ihn nervös.

Wilken ist Patient in der Praxis von Dr. Jens Beermann, Kardiologe in Wedel bei Hamburg. Doch Beermann ist nicht nur Arzt, er hat auch einen neuen digitalen Service für Menschen wie Wilken entwickelt.
 

„Viele Patienten können nicht einschätzen, ob es sich um einen Notfall handelt."
Dr. Jens Beermann
Kardiologe, Gründer des Medizin-Start-ups Cardiogo

Rund-um-die-Uhr-Betreuung per App

Mit seinem Start-up Cardiogo ermöglicht der Mediziner eine 24-Stunden-Versorgung für Herzpatienten. Diese verknüpft digitale Technik mit herkömmlicher medizinischer Betreuung: Die Patienten bekommen ein streichholzschachtelgroßes EKG-Gerät und eine Smartphone-App, die die aufgezeichneten Herzdaten in eine digitale Patientenakte übermittelt. Zudem können die Patienten rund um die Uhr einen Kardiologen erreichen, der sie berät und im Notfall auch den Notarzt verständigt. „Viele Patienten sind verunsichert, wenn sie etwas am Herzen spüren, und können nicht einschätzen, ob es sich um einen Notfall handelt“, sagt Beermann.

Sein Projekt ist eine der wenigen Anwendungen, die die digitalen Möglichkeiten für Patienten ausschöpfen. Denn auch wenn die App-Stores voll mit Gesundheits-Apps sind: Die meisten sind für gesunde Menschen gedacht, die Schritte oder verbrauchte Kalorien zählen wollen. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Analyse der Bertelsmann Stiftung. Zwar hat fast jeder dritte Deutsche eine Gesundheits-App auf seinem Smartphone. Unter den mehr als 100.000 Apps auf dem Markt sind echte Medizinprodukte jedoch selten.

Auch außerhalb des deutschen Markts entstehen neue Apps: Das chinesische Internetunternehmen Baidu etwa hat eine Lösung für Smartphones entwickelt, mit der Patienten im Chat mit einer intelligenten Software ihre Symptome und Beschwerden schildern können. Die App vernetzt den Nutzer dann auf Grundlage dieser Anamnese mit den richtigen Spezialisten in der Nähe.
Sollen die Gebühren für kostenpflichtige Medizin-Apps in Deutschland von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden, müssen erst Wirksamkeit und Nutzen in Studien nachgewiesen werden und es muss eine Zulassung für Medizinprodukte beantragt werden. Ein Aufwand, den viele Entwickler scheuen.

Im Fall von Wilken zahlt seine private Krankenkasse die Kosten, die durch Cardiogo anfallen. Die monatlich 175 Euro müssen die Patienten sonst selbst bezahlen. Damit sich das ändert, untersucht Prof. Dr. Matthias Augustin, Direktor am Zentrum für Psychosoziale Medizin im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), den Service in einer Studie.

Schon jetzt sagt Augustin: „Die Patienten fühlen sich sicherer, gehen nicht vorschnell ins Krankenhaus.“ Damit hilft der Service nicht nur den Herzpatienten, sondern reduziert auch Kosten im Gesundheitssystem. „Ich denke, dass wir trotz des Mehraufwands für Gerät und Rufbereitschaft letztlich Geld sparen.“
Das UKE ist ohnehin Digitalisierungsvorreiter: Als eins von wenigen Häusern in Europa nutzt es durchgängig elektronische Patientenakten. „Das ist ein Riesenvorteil“, sagt Augustin, der den Prozess begleitet und evaluiert. „Ich kann aus allen Abteilungen auf die Akte zugreifen und eigene Befunde hinzufügen.“ Bei der Visite verwenden Ärzte ein Tablet statt gedruckter Medikationspläne und Befunde. Dadurch hat das UKE das Problem in den Griff bekommen, dass Daten häufig nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort zur Verfügung standen.
Ein Problem, das es anderswo natürlich weiterhin gibt. Denn auch wenn innerhalb der Klinik alle Patientendaten digital vorliegen – schon einige Straßen weiter sind viele Arztpraxen längst nicht so weit.
 

Die Systeme in den Praxen müssen mit anderen kompatibel sein

Nicht immer ist das nur eine technische Schwierigkeit. „Am Ende nützt die beste Technologie nichts, wenn der Patient keinen Anspruch darauf hat, dass sein Arzt sie nutzt“, sagt Peter Haas, Professor für medizinische Informatik an der FH Dortmund. So dokumentierten Patienten häufig vergeblich Blutzuckerwerte oder Schmerzen. „Kaum ein Arzt will das sehen“, sagt Haas. Die Systeme in den Praxen müssten zudem auch mit anderen Systemen kompatibel sein und Daten austauschen können. Haas fordert daher verbindliche Regeln und Normen für die digitale Kommunikation im Gesundheitswesen.
Wie schwer sich das deutsche Gesundheitssystem mit der Digitalisierung tut, lässt sich auch an der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte und dem Aufbau der zugehörigen digitalen Infrastruktur sehen. Die Karte soll als Schlüssel für die Onlinekommunikation fungieren, damit Ärzte, Krankenhäuser und Labore Befunde und andere Informationen elektronisch übermitteln können. Auch aktuelle Patientenstammdaten samt Medikamentenübersicht sollen künftig auf der Karte gespeichert werden.

In der ursprünglichen Planung sollten alle diese Funktionen längst verfügbar sein. Allerdings ist ein solches bundesweites Großprojekt nicht einfach zu realisieren – Fragen zu Zuständigkeit, Datenschutz und Infrastruktur müssen erst in verschiedenen Gremien geklärt werden. Und dann ist der technische Fortschritt häufig schon weiter als das Ergebnis der Verhandlungen.

Um das Projekt zu beschleunigen, trat im Jahr 2016 das E-Health-Gesetz in Kraft, das den Einsatz digitaler Technologien im Gesundheitswesen regelt. Im Gesetz sind einige neue Anstöße enthalten, etwa der Anspruch auf einen Medikationsplan für Patienten, die mehr als drei Medikamente einnehmen. Dieser Plan soll künftig auch digital vorliegen und auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert werden können.
Viele Experten sind trotz einiger Hürden zuversichtlich, dass ausgereifte digitale Technologien die Zukunft in der medizinischen Versorgung prägen werden. Nach Branchenprognosen soll sich der weltweite digitale Gesundheitsmarkt bis 2020 auf 233 Milliarden US-Dollar mehr als verdoppeln. Auch Medizininformatiker Haas sagt: „Ich bin geradezu euphorisch, was alles möglich ist und was noch kommen wird.“ Doch das Potenzial, das diese neuen Anwendungen enthalten, müssten wir deutlich schneller nutzbar machen.
 

 

Was wir tun

Sicherheit für medizinische E-Ausweise

Neben der elektronischen Gesundheitskarte für Patienten soll es künftig auch einen personengebundenen elektronischen Ausweis für Ärzte, Psychotherapeuten und Zahnärzte sowie eine Institutionskarte für Einrichtungen wie Krankenhäuser und Arztpraxen geben. Die Bundesdruckerei erprobt derzeit die sichere Personalisierung und Ausgabe dieser Karten. So werden die sogenannten Heilberufsausweise (HBA) mit Lichtbild, Namen und Zertifikat optisch und elektronisch personalisiert. Zudem entwickelt die Bundesdruckerei ein Onlineportal, über das Ärzte und medizinische Einrichtungen ihren Ausweis beantragen und die zuständigen Berufsorganisationen dies prüfen und freigeben können.

 

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