Bits, Bytes und Bodenwerte

Einmalig - Bits, Bytes und Bodenwerte
Kai Schächtele und Gene Glover (Fotos)

Weil zusätzliche und nachhaltige Wertschöpfung in der Landwirtschaft nur noch mit digitalen Hilfsmitteln zu erreichen ist, müssen Landwirte umdenken. Auf dem Hof von Hubertus Paetow kann man sehen, was das bedeutet.

Hubertus Paetow kniet auf einem staubigen Acker vor der Feldspritze Leeb 6 GS, dem größten Stolz in seinem Fuhrpark, und es sieht aus, als könnte er sie mit seinen Gedanken steuern. Um zu demonstrieren, warum sie ihn so begeistert, hält er die Hand zwischen die Erde und die kniehoch darüberschwebenden Düsen. Der 18 Meter lange Arm hebt und senkt sich mit Paetows Hand, als sei dieser ein Jedi-Meister. „Früher“, sagt er, „waren die Arme an einem Pendel befestigt. Das höchste der Gefühle war, Bodenunebenheiten per Hand auszugleichen.“ Heute messen Ultraschallsensoren den Abstand zum Boden, und ein Computer sorgt dafür, dass er immer bei exakt 30 Zentimetern bleibt.

„In der Landwirtschaft gibt es einen kleinen Digitalhype.“
Hubertus Paetow

Digitalisierung nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen

Die Feldspritze ist Paetows neueste Waffe gegen den traditionellen Grundsatz „Viel hilft viel“. Denn ihre Düsen verteilen Dünger oder Pflanzenschutzmittel so über den Acker, dass der Wind die Tropfen nicht davontragen kann, bevor sie in die Erde sickern. Das hat Paetow sich mehr als 100.000 Euro kosten lassen. Für ein Modell ohne Ultraschall hätte er nur etwas mehr als die Hälfte bezahlt.

Zunächst sieht es im Dorf Schlutow in Mecklenburg-Vorpommern nicht danach aus, dass man hier einen Vor-reiter der Digitalisierung in der Landwirtschaft treffen könnte. Paetows Betrieb liegt nahe einer Siedlung mit 64 Menschen. Am Ende einer Straße ohne Markierungen. Das nächste Dorf mit 3.000 Einwohnern ist fünf Kilometer entfernt, der letzte Discounter hat kürzlich geschlossen. Wenn das Ehepaar Paetow für sich und die fünf Söhne zwischen fünf und 15 einen Großeinkauf machen will, muss es mit dem Auto nach Rostock. Fahrtzeit: eineinhalb Stunden. Aber vielleicht ist es gerade diese idyllische Einöde, in der das Neue gedeihen kann.

Paetow will seinen Hof – fünf Mitarbeiter, 1.300 Hektar, Jahresumsatz 2,6 Millionen Euro mit Weizen, Raps, Gerste, Zuckerrüben und Mais – zu einem Betrieb aufrüsten, der beweist, dass man mit dem Einsatz digitaler Technologien eine konventionelle Landwirtschaft betreiben kann, die die Natur schont und Landwirten das Überleben sichert. Doch er weiß, dass noch viel Arbeit vor ihm liegt. „Seit einigen Jahren gibt es in unserer Branche einen kleinen Digitalhype“, sagt er. „Die Potenziale sind da, aber wir sind noch lange nicht bei fertigen Prozessen.“

Dass er sich der Digitalisierung verschrieben hat, ist nicht nur betriebswirtschaftliches Kalkül. Bei dem 49-Jährigen, Hemd mit kleinen Karos, sanftes Timbre in der Stimme, ist es auch persönliche Leidenschaft. Schon als er mit Mitte 20 sein Studium der Agrarwissenschaften abschloss, war klar: Sobald er den Hof von seinem Vater Konrad übernehmen würde, der sich hier nach der Wende ansiedelte, würde er all die neuen Technologien anwenden, die damals entweder schon in Umlauf waren oder gerade entwickelt wurden.

Schon lange arbeiten Landtechnikhersteller an Geräten mit digitaler Steuerung. Zum Beispiel an Lenksystemen, die Landwirten dabei helfen, ihre Schlepper GPS-gesteuert so über die Äcker zu lenken, dass sie ihre Spur mit einer Genauigkeit von zwei bis drei Zentimetern halten. Das stellt zum einen sicher, dass die Reifen der Traktoren den Boden nicht unnötig belasten. Zum anderen spart es Treibstoff. Auf dem Hof von Paetows Hof stehen mehrere solcher Fahrzeuge. Man erkennt sie an den pilzförmigen Aufbauten über der Fahrerkabine, mit denen sie die GPS-Signale empfangen. Im Innenraum gibt es Displays, mit denen die Fahrer die vorher am Computer festgelegten Routen aufrufen können.

Paetow kann den Betrieb mit einer App auf seinem Smartphone überwachen, und die verschiedenen Fahrzeuge sind so aufeinander abgestimmt, dass während der Ernte der Mähdrescher automatisch ein Signal an den Traktor sendet, der das fertige Korn abholt. Und zwar genau dann, wenn die für den Traktor richtige Menge auf dem Feld liegt.

Ein solches Flottenmanagement ist die meistverbreitete Technologie. Aber es geht noch viel digitaler. Ein Schlüsselbegriff der modernen Landwirtschaft lautet „teilflächenspezifische Bewirtschaftung“, und um den zu verstehen, hilft ein Blick auf eine 80 Jahre alte Karte mit dem Titel „Reichsbodenschätzung“ in Paetows Büro. In den 1930er-Jahren marschierten Kommissare der Steuerbehörden über die Äcker des heutigen Mecklenburg-Vorpommerns und setzten alle 50 Meter einen Spaten in den Boden. In sogenannten Bodenwertzahlen von null bis hundert hielten sie anschließend fest, wo der Boden fruchtbar war und wo er eher aus Sand und Steinen bestand, und erhoben entsprechende Abgaben. Diese Daten haben die Finanzämter digitalisiert. Für Paetow sind sie die Grundlage für die Planung, wo er wie viel Saatgut und Dünger einsetzen muss.

Wenn seine Mitarbeiter über die Äcker fahren, geben die per Bordcomputer gesteuerten Maschinen Meter um Meter nur genau das aus, was der Boden an dieser Stelle auch aufnehmen kann. So kann Paetow verhindern, dass Saatgut nicht aufkeimt oder Dünger ungenutzt ins Grundwasser durchläuft. Die modernsten Geräte benötigen nicht einmal mehr fertige Daten: Sie messen vorn mit Sensoren die Bodenbeschaffenheit und geben hinten die dazu passende Menge an Saatgut oder Dünger aus.

 

Viele kleinere Betriebe sind noch skeptisch

Was klingt wie die wahrgewordene digitale Wunderlandwirtschaft, stößt bei vielen Bauern auf Vorbehalte. Nach einer Studie von Bitkom Research nutzt nur jeder fünfte landwirtschaftliche Betrieb digitale Technologien. Gerade bei kleinen Betrieben wie dem von Paetow heißt es häufig: Digitalisierung ist kein Thema und wird es auch künftig nicht sein. Das hat mehrere Gründe. Erstens liegen die Investitionszyklen bei zehn, elf Jahren. Ein Fuhrpark lässt sich nur allmählich erneuern. Zweitens halten nach Paetows Beobachtung viele Landwirte derlei Mehrausgaben schlicht für unnötig. Und drittens spielt auch die Hoheit über die eigenen Daten eine Rolle. Viele Landwirte fürchten, dass ihre Arbeit unter verschärfter Beobachtung steht, wenn ihre Traktoren, Smartphones und Computer alle Daten in eine Cloud senden, auf die nicht nur sie Zugriff haben. „Bei vielen Landwirten gibt es heute noch oft eine Kavaliersdeliktsmentalität, nach dem Motto: Solange mich keiner erwischt, mache ich das“, sagt Paetow. Damit könnte es vorbei sein, wenn die Geräte kontinuierlich mit der Außenwelt kommunizieren.

Paetow ist überzeugt, dass an der Digitalisierung kein Weg vorbeiführt. Das hat vor allem ökonomische Gründe. Im Jahr 2020 soll die zusätzliche Wertschöpfung durch Digitalisierung in der Landwirtschaft ein Volumen von 4,5 Milliarden Euro haben, Getreide- und Fleischproduktion zusammengenommen. Dies werde aber nicht durch die Steigerung der Erträge erzielt, sagt Paetow, da seien die Möglichkeiten inzwischen ausgereizt. Sondern durch Einsparungen, indem für den gleichen Ertrag weniger Ressourcen eingesetzt werden müssen. Für Paetow geht es aber auch noch um etwas anderes: die eigene Legitimität. In Zeiten, in denen die industrialisierte Landwirtschaft unter immer stärkerem gesellschaftlichem Druck steht, sieht er in der Digitalisierung die einzige Möglichkeit, zukunftsfähig zu bleiben. „Manche glauben, Nachhaltigkeit funktioniere nur, wenn wir wieder mit Pferden den Boden pflügen. Das sehe ich anders. Wir müssen die gesamte Landwirtschaft dahin kriegen, dass sich das, was wir Landwirte tun, mit dem verträgt, was die Gesellschaft will.“ Paetow ist überzeugt: Das wird nur klappen, wenn auch alle anderen Landwirte bereit sind, sich ins Digitale zu ackern. 

 

 

 

Internet of Things

Objects also need secure identities

Internet der Dinge

Die hohe Kunst der Einfachheit

Dinge kompliziert zu machen, ist sehr einfach – Dinge einfach zu machen, hingegen kompliziert.

Internet der Dinge

Das Messen aller Dinge

Die „Quantified Self“-Bewegung erforscht den Körper mit Hilfe von Smartphones und intelligenten Mini-Geräten, die Sport, Schlaf und Gesundheit überwachen und optimieren sollen.