Das Messen aller Dinge

Das Messen aller Dinge

Die „Quantified Self“-Bewegung erforscht den Körper mit Hilfe von Smartphones und intelligenten Mini-Geräten, die Sport, Schlaf und Gesundheit überwachen und optimieren sollen.

Bei Mark war es das Abnehmen. Der Unternehmensberater aus München kam einfach von seinen 82 Kilo nicht runter, für ihn zu weit entfernt von seinem Idealgewicht von 77 Kilo. Im Job sitzt er viel, im Büro und im Zug. Sein mobiles Leben passt nicht gut zu Sportverein oder Fitnesscenter. Diäten liegen dem 40-Jährigen, der oft unterwegs isst, schon vom Lebensgefühl her sehr fern. Aber die Digitaltechnik nicht. Und so steckte schließlich sechs Wochen lang ein kleines schwarzes Gerät in seiner Tasche, so groß wie ein USB- Stick. Es protokollierte tagsüber seine Schritte und nachts seine Schlafphasen. Über eine zugehörige App gab er jede Mahlzeit in sein Smartphone ein. Abends sagte ihm das Programm, wie viele Kalorien er zu sich genommen oder verbraucht hatte. War der Wert nicht optimal, ging er eben noch eine Runde laufen.

Mark hat abgenommen. Aber nicht genug. Nun untersucht er, ob bei ihm andere Faktoren eine Rolle spielen. Womöglich ein Blutdruckproblem oder schlicht falsche Ernährung. Erkenne dich selbst – dieses Motto der alten Griechen, das in der Vorhalle des Orakels von Delphi die Suchenden ermahnte, macht zurzeit in der Digitalkultur die Runde. Die Selbsterkenntnis unterstützen heute allerdings Computer und Smartphone. Ob Schritte, Gewicht, Schlafrhythmus, Ernährung, Blutzucker oder Blutdruck – viele aktuelle Apps und Geräte helfen dabei, unseren Körper zu vermessen.

Quantified Self heißt dieser Trend, grob übersetzt etwa: Das vermessene Selbst. Der Begriff ist erst vor fünf Jahren entstanden, damals noch fernab der Öffentlichkeit unter den Technikenthusiasten im Silicon Valley. Heute ist das Phänomen dabei, eine Massenbewegung zu werden. Dafür gibt es zunächst technische Gründe: „Sensoren, die vor wenigen Jahren noch 1.000 Euro und mehr kosteten, gibt es heute für ein paar Cent“, sagt Johannes Kleske von der Berliner Agentur Third Wave. „Deswegen erleben wir gerade die erste Welle von Produkten dieser Szene für den Massenmarkt.“ Kleske berät unter anderem Unternehmen, die den neuen Trend nutzen wollen.

Eines dieser Produkte ist der USB-Stick „Fitbit“, den Mark in seiner Hosentasche trägt. Er ist Teil einer ganzen Produktfamilie, zu der unter anderem auch eine Waage mit WLAN-Anbindung gehört. Der größte Akteur in diesem Markt ist der Sportartikel-Konzern Nike. Dessen „Füllband“, das in den USA bereits verfügbar ist und noch 2013 nach Deutschland kommen soll, sieht aus wie ein modisches Flexi-Armband. Es ist aber ein Minicomputer mit Bewegungssensor. Eine LED-Anzeige, die von Rot über Gelb nach Grün wechselt, zeigt dem Träger, wie sportlich er war.

Die Verkaufszahlen hält Nike geheim. Aber eine Begeisterung wie beim iPhone ist spürbar. Die erste Lieferung „Fuelbands“ war in Amerika nach vier Minuten ausverkauft. Die Nike-Aktie stieg um zehn Prozent, als das Produkt Anfang 2012 auf den Markt kam. Allgemeine Zahlen zu Quantified Self gibt es bisher kaum, schon weil das Feld so neu und nicht klar abgegrenzt ist. Doch von nahezu sechs Milliarden Dollar, die jährlich für tragbare Messgeräte ausgegeben werden, ist in den USA die Rede.

Die Selbstvermessung hat auch in Deutschland eine lange Tradition. Angefangen hat alles mit den Diäten, schon seit den 1970-Jahren stellen sich Millionen Deutsche täglich auf die Waage. Dann kamen die Fitnessclubs, die heute rund sieben Millionen Mitglieder in Deutschland haben. Jetzt eröffnet die Digitalisierung ganz neue Möglichkeiten. Quantified Self ist eine große Hoffnung für verschiedenste Branchen. Es geht einerseits um Medizin – für Diabetiker gibt es das „Glucodock“, das Blutzucker misst und protokolliert, andere Geräte und Apps ermitteln den Blutdruck oder optimieren die Ernährung. Aber es geht auch um Lifestyle – also Fitness, Laufen und Schlaf. Smartphone-Apps wie „Runkeeper“ begleiten Jogger, Armbänder messen die Herzfrequenz. Oft ermöglichen die Apps, die Messdaten gleich in sozialen Netzwerken mit Bekannten zu teilen und zu vergleichen. Nike hat eine eigene Community geschaffen, in der Hobbysportler sich aneinander messen können.

„Der Wettbewerb ist einer von vielen Motivationsmechanismen, die aus Spielen adaptiert und nun auf Sport und Gesundheit angewendet werden“, sagt auch Florian Schumacher. Der Münchner Produktentwickler organisiert die deutsche Quantified-Self-Szene und bringt Wissenschaftler, Produktdesigner und Unternehmen auf Konferenzen zusammen.

Durch die Quantified-Self-Anwendungen entstehen Informationen und Daten, für die früher aufwändige Sozialforschung nötig gewesen wäre. Ein schönes Beispiel ist die App „The Eatery“. Benutzer des Programms fotografieren mit ihren Smartphones jede Mahlzeit, die sie essen. Die Mitglieder der Online-Community von „The Eatery“ bewerten sie dann. So kamen nebenbei Daten über Ernährungsgewohnheiten aus aller Welt zusammen. Die New Yorker essen viel mehr Rosenkohl als alle anderen. In Philadelphia wird besonders ungesund gegessen. In Kopenhagen dagegen besonders gesund – viel mehr Roggen, weniger Weizenbrot. Über Ursache und Wirkung sagt das noch nichts. Aber es regt zum Nachdenken an. Besonders, wenn es ganz allgemein wird: Im Schnitt ist das Abendessen wesentlich ungesünder als alles, was man vor 15 Uhr zu sich nimmt.

Wer Quantified Self betreibt, muss seine Ergebnisse meist mit anderen teilen. Gerade hierzulande weckt das auch Ängste. „In Deutschland ist man sehr zurückhaltend mit der Preisgabe eigener Daten. Offenbar sind wir sensibel, wenn man befürchten könnte, dass wir uns den Maschinen unterwerfen“, sagt der Berater Kleske. Sein Unternehmen nimmt das ernst: „Wir wollen eine offene Debatte über Chancen und Risiken. Jeder sollte sich bewusst machen, welche Konsequenzen sein Umgang mit Technologie hat.“ Kleske hält zurzeit viele Vorträge zum Thema und warnt dabei immer auch vor möglichen Gefahren der neuen Technologien. „Was, wenn eines Tages Krankenkassen die Daten ihrer Versicherten sehen wollen?“, fragt er. Noch ist das nicht gesetzeskonform. Denkbar wäre aber irgendwann ein Szenario wie dieses: Wer nachweisen kann, dass er sich viel bewegt, bekommt Rabatte in der Krankenversicherung. Das alles ist nur Zukunftsmusik – aber es geht um eine Diskussion, die rechtzeitig geführt werden sollte.

Die Selbstvermessung hat auch in Deutschland eine lange Tradition. Angefangen hat alles mit den Diäten, schon seit den 1970-Jahren stellen sich Millionen Deutsche täglich auf die Waage.

Die Quantified-Self-Bewegung möchte den Nutzern alle Möglichkeiten der neuen Technik selbst in die Hand geben. Die Idee derjenigen, die sich intensiv für Quantified Self engagieren, ist: Daten werden ohnehin gesammelt, deshalb ist es sinnlos, sich dem komplett zu verschließen – aber wichtig, die Sache zu kontrollieren. Und sie frühzeitig zu diskutieren. „Wir müssen uns auch Gedanken machen, ob wir noch im Bereich der Fitness sind oder eher schon im Gesundheitswesen“, sagt Kleske. „Manche Anwendungen berühren bereits eindeutig medizinische Fragen. Darüber muss man reden, denn hier entsteht ein Markt mit riesigen Potenzialen.“

Dieser neue Markt ermöglicht den Endkunden ganz neue Erfahrungen. Früher musste ins Schlaflabor, wer sich nicht ausgeruht fühlte. Heute gibt es Smartphone-Apps, die einfach mit dem in das Telefon eingebauten Sensor die Bewegung des Schlafenden messen. Noch genauer ist „Zeo“, ein Stirnband, das die Bewegungen des Kopfs protokolliert. Es kostet nur etwa 100 Dollar – so etwas wäre noch vor Kurzem undenkbar gewesen. „Marktforscher sprechen von 170 Millionen tragbaren Messgeräten in fünf Jahren“, sagt Produktdesigner Schumacher, der auf seinem Blog igrowdigital.com den Markt beobachtet. „Zurzeit erscheint jede Woche mindestens ein neues Produkt. Vom Haltungssensor, der vibriert, wenn ich krumm sitze, über die elektronische Gabel für langsames Essen bis zu einer Indoor-Wetterstation, die sich meldet, wenn der CO2-Gehalt im Zimmer steigt und man lüften sollte.“ Auch für die medizinischen Anwendungen sieht er eine große Zukunft. „In anderen europäischen Ländern ist es bereits üblich, dass Ärzte ihren Patienten eine App verschreiben. Quantified Self wird die Kooperation zwischen Arzt und Patient entscheidend verbessern“, sagt Schumacher.

Die neuesten Entwicklungen beziehen nun auch noch die Psychologie mit ein. Energie- und Stimmungslevel soll man bei Apps wie „In Flow“ mehrmals täglich eingeben. Daraus erstellt die Software dann eine Kurve: Wann fühle ich mich gut, wann nicht, wann bin ich wach, wann schläfrig. Der Traum der Programmentwickler ist, viele verschiedene Daten zusammenzuführen. Schrittzähler, Laufdaten, Ernährung und Schlaf. Wird all das in Beziehung gesetzt, könnte die App etwa Warnungen geben wie: „Geh jetzt lieber ein wenig spazieren, sonst bekommst Du, wie Deine Daten vermuten lassen, bald ein Stimmungstief mit schlechter Laune.“

Die wichtigen Diskussionen haben gerade erst begonnen. Der Berater Johannes Kleske weist etwa darauf hin, wie wichtig Schwellenwerte sind, die der Entwickler einer Anwendung festlegt. Ein Fitnessgerät leuchtet rot, weil ich mich noch suboptimal verhalte, und grün, wenn ich genug trainiert habe – es ist keine triviale Aufgabe, diesen Übergang festzulegen. „Darin liegt auch Verantwortung. Das Sammeln von Daten ist leicht“, sagt Kleske, „sie zu interpretieren und Empfehlungen auszusprechen, ist viel schwieriger.“

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