„Deutsche Unternehmen sind gut in der Organisation komplexer Modelle und Prozesse“

Interview Dr. Sailer

Lesen Sie, was Dr. Eduard Sailer (Miele) über Chancen bei der Digitalisierung für KMU sagt.

Dr. Eduard Sailer, Geschäftsführer Technik der Miele & Cie. KG, führt das deutsche Traditionsunternehmen in die digitale Welt. Wir sprachen mit ihm über die Risiken für Unternehmen, wenn sie zu spät mit der Digitalisierung starten sowie über Chancen speziell für Mittelständler und die wichtigsten Schritte bei der Umsetzung digitaler Strategien.

Viele Unternehmen in Deutschland verhalten sich bei der Digitalisierung noch zögerlich. Was riskieren kleine und mittelständische Unternehmen, wenn sie bei Umsetzung digitaler Strategien sehr abwartend handeln?

Die Digitalisierung im Sinne von „Industrie 4.0“ oder auch „Internet der Dinge“, kurz: IoT, beschreibt die vollautomatisierte Kommunikation von Maschinen, Fahrzeugen oder auch Produkten miteinander – also ohne dass dazwischen ein Mensch irgendwelche Knöpfe drückt. Dies bietet Unternehmen große Möglichkeiten zur Optimierung von Fertigungsprozessen, etwa mit Blick auf eine Echtzeit-Kontrolle darüber, wo genau im Prozess sich welcher Artikel gerade befindet. Es hilft zum Beispiel bei der Individualisierung von Massenprodukten, die bei hochpreisigen Gebrauchsgütern wie dem Auto längst gang und gäbe ist. Außerdem erleichtert Industrie 4.0 die Handhabung der Anlagen, die dann auch von weniger spezialisierten Mitarbeitern bedient werden können.

Und was gilt mit Blick auf das Produkt selbst?

Künftig werden nicht nur Produkte, sondern ganze „Anwendungsumgebungen“ gefragt sein. Die Kunden wollen dann einen Backofen, der nicht nur ein Gericht gar bekommt, sondern beim Kochen unterstützt, mit Rezepttipps und Zutatenlisten sowie deren Vernetzung mit den Automatikprogrammen des Ofens. Bald wird man auch mit seinem Auto nicht mehr nur in die Stadt zum Termin fahren, sondern auch wissen wollen, wo es freie Parkplätze oder ein gutes Restaurant fürs Geschäftsessen gibt. Da lassen sich ganz neue Wertschöpfungsketten denken. Die Frage ist, ob sich etwa die Autobauer dieses Geschäft selbst erschließen oder die Software- und Internetmultis es ihnen wegnehmen – und die passenden Autos direkt mitliefern.

Diese Beispiele klingen alle eher nach Großindustrie als nach Mittelstand…

… zugegeben, aber der dahinterliegende Gedanke lässt sich auch auf die Geschäftsmodelle von Mittelständlern übertragen, etwa wenn ein kleines T-Shirt-Label sich von einem großen Fertigungspartner kundenindividuelle Farbvarianten und Muster liefern lässt. Oder kleine Anbieter anderer „Hardware“-Produkte verbinden diese mit Informationen oder Dienstleistungen via Internet, womöglich ebenfalls mit Hilfe von Kooperationspartnern. Wir können davon ausgehen, dass sich eine Menge etablierter Player, aber auch hochkreative Start-ups, einiges einfallen lassen werden, um ganze Märkte neu zu definieren.

Das digitale Zeitalter beginnt nicht von heute auf morgen. Welches sind die wichtigsten Schritte bei der Umsetzung digitaler Strategien und welche Hürden, vor allem im Hinblick auf Sicherheit müssen dabei überwunden werden?

Das digitale Zeitalter ist aber bereits in vollem Gange, und es entwickelt sich auf der Produktseite sehr schnell. Für Entwickler und Marketingstrategen bedeutet dies, dass sie nicht mehr nur um ihr Produkt kreisen können, sondern in Wertschöpfungsketten denken müssen, ausgehend von den potenziellen Bedürfnissen der Kunden. Und ich spreche ganz bewusst von „potenziellen“ Bedürfnissen, denn die Kunden ahnen heute oft noch gar nicht, was schon in überschaubarer Zeit an „Hardware“, Software und Services technisch möglich und für sie attraktiv sein wird. Das stellt etwa den klassischen Produktmanager vor ganz neue Herausforderungen. Die Datensicherheit wird auch ein Thema sein, aber ein lösbares. Auf der Prozessseite hat man etwas mehr Zeit als auf der Produktseite, dort reden wir über Zeitspannen von drei bis fünf Jahren.

Wie hat Miele als Unternehmen den Schritt in das digitale Zeitalter eingeleitet, und inwieweit haben sich bei Miele die Produktionsprozesse und die Arbeitsorganisation inzwischen verändert?

Auf der Prozessseite stehen wir noch ganz am Anfang, etwa mit Pilotprojekten bei der Teile- und Fertigungslogistik. Hier sind wir sicher kein Vorreiter, aber wir lernen schnell und setzen die Prioritäten sorgfältig. Bei den Produkten stehen wir ebenfalls noch am Anfang, sind aber in unserer Branche ganz vorne dabei. Kein anderer Hausgerätehersteller verfügt über ein annähernd so breites Angebot an vernetzungsfähigen Geräten und auch an dazu passenden Anwendungen mit hohem Kundennutzen. Vor wenigen Wochen haben wir zum Beispiel das weltweit erste vernetzte Dosiersystem für Waschmittel vorgestellt: Unser TwinDos meldet sich via WLAN, Internet und Smartphone automatisch, wenn das Waschmittel zur Neige geht, bequeme Bestelloption und schnelle Lieferung nach Hause inbegriffen.

Welche Chancen ergeben sich für kleine und mittelständische Unternehmen durch die Digitalisierung? Und welche Chancen sehen Sie für die deutsche Wirtschaft insgesamt?

Deutsche Unternehmen sind gut in der Organisation komplexer Modelle und Prozesse. Mittelständler sind oft unkonventionell und schnell in ihren Entscheidungen. Also haben wir gute Voraussetzungen. Wir brauchen noch die Bereitschaft zum Ausprobieren und zum wohldosierten Risiko – und für Start-ups die nötigen Finanzierungsmöglichkeiten. Dann sollte es klappen.

Herr Dr. Sailer, vielen Dank für das Gespräch.

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