„Die Bundesdruckerei wollte ungeschminkte Antworten auf konkrete Fragen“

Interview Dr. Kamp

Mit der Unternehmenschronik „Vom Staatsdruck zum ID-Systemanbieter. 250 Jahre Identität und Sicherheit“ nimmt Autor Dr. Michael Kamp den Leser mit auf eine ausführliche und spannende Zeitreise.

Die Geschichte der Bundesdruckerei reicht von den Anfängen im Jahre 1763 als Geheime Ober-Hofbuchdruckerei bis in die Gegenwart als international tätiger Systemanbieter im Bereich „Sichere Identität“. Im Interview spricht Dr. Kamp über Umsetzung und Herausforderungen des Buchprojekts.

Herr Kamp, warum sollte ein Unternehmen seine geschichtlichen Wurzeln nicht vergessen?

Die Geschichte ist ein wichtiger Teil eines Unternehmens und Basis der jeweiligen Kultur. Sie gibt den Mitarbeitern Denkanstöße, aus ihr lernen sie und sie steigert im besten Fall auch die Motivation und Identität. Zudem sind Schlaglichter aus dem eigenen Fundus geeignet zur Kommunikation mit Geschäftspartnern, der Öffentlichkeit und natürlich dem eigenen Nachwuchs. Daneben hat Geschichte eine Imagefunktion: Sie ist ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber dem Wettbewerb und Newcomern. Von daher ist die Investition in eine Unternehmensgeschichte eine Investition in die Zukunft.

Sie wurden damit beauftragt, die Unternehmenschronik für die Bundesdruckerei umzusetzen. Was für Herausforderungen mussten Sie angehen?

Jedes Unternehmen ist anders, jede Fakten- und Archivlage ist anders. Außer den Methoden gibt es also keine Routine. Im Kern geht es bei der Bundesdruckerei um Dinge des Alltags – seien es Pässe, Banknoten oder Briefmarken. Mit denen gehen wir im Privaten ganz unbewusst um und machen uns keine Gedanken darüber, wo sie herkommen und warum sie so aussehen. Unsere Aufgabe war also hier einen allgemeinverständlichen Bezug herzustellen und keine hochtrabende wissenschaftliche Abhandlung. Herausgekommen ist eine Chronik, die faktenreich und pointiert Meilensteine und Hintergründe beschreibt, angereichert mit vielen Beispielen, Bild- und Grafikelementen, sodass auch historische Laien sie mit Gewinn lesen.

Wie sind Sie und Ihr Historikerteam vorgegangen?

Rund ein Jahr lang wurde an dem Buch recherchiert und geschrieben. Zuerst werteten wir Fachliteratur zum Unternehmen und seinen Vorgängerinstitutionen aus. Dann sind wir in die Archive des Hauses gegangen und haben Personalakten, Mitarbeiterzeitungen, Druckerzeugnisse und Korrespondenzen gesichtet. Wir waren auch im Bundesarchiv, im Landesarchiv Berlin sowie im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz. Recherchen dürfen jedoch nicht ausufern. War eine Epoche ausreichend dokumentiert und ergaben sich keine neuen Fragen, ging es mit der nächsten weiter. Insgesamt musste das Team 25 Regalmeter Material systematisch durchforsten. Das entspricht in etwa 300 Leitzordnern. Und unsere digitale Datenbank ist im Zuge des Projekts auf rund 100 Gigabyte Bildmaterial und Fotokopien angewachsen.

Die historischen Dokumente liefern die Fakten, die Gesprächspartner bringen Leben und damit Dramaturgie in die Unternehmensgeschichte.
Dr. Michael Kamp

Sie haben auch mit Zeitzeugen gesprochen. Wie hilfreich waren diese Gespräche?

Wir sind in einen Betrieb gekommen, den wir nur aus Büchern oder den Medien kannten. Über die Gespräche mit ehemaligen und aktiven Mitarbeitern sowie Wegbegleitern bekommen Sie ein Gefühl für die Innensicht auf das Unternehmen. Auch helfen uns Zeitzeugen mit ihren Erfahrungen, eine Schneise durch das Dickicht der Aktenberge zu schlagen und so die wichtigsten Etappen der vergangenen 30 bis 40 Jahre zu rekonstruieren. Hierzu zählen bedeutsame Ereignisse wie Geschäftserweiterungen, Krisen oder Änderungen des Produktangebots. Eine sehr anekdoten- und geschichtenreiche Quelle war übrigens ein Stammtisch von Mitarbeitern der Bundesdruckerei, den wir ein paar Mal in Berlin besuchten. Kurzum: Die historischen Dokumente liefern die Fakten, die Gesprächspartner bringen Leben und damit Dramaturgie in die Unternehmensgeschichte.

Welche Epochen waren für Sie als Historiker die spannendsten in der 250-jährigen Geschichte?

Jede Zeit hat ihre ganz besonderen Menschen und Herausforderungen. Nehmen wir die Hyperinflation in den 1920er-Jahren: Auf dem deutschen Staat lasteten damals gewaltige Reparationszahlungen aus dem Ersten Weltkrieg. Die Regierung der Weimarer Republik brachte mit Hilfe der Reichsdruckerei Abertrillionen Mark in Umlauf. In kürzester Zeit wurde dafür ein unvorstellbares Volumen an Geldscheinen gedruckt – eine technische Meisterleistung. Ebenfalls sehr fesselnd war die Zeit des Eisernen Vorhangs bis Ende der 1980er-Jahre. Die Berliner Mauer lag sozusagen im Vorgarten der Bundesdruckerei, womit das Unternehmen in Fragen der Versorgung und Logistik immer wieder neue Wege gehen musste.

Zahlreiche Industrieunternehmen, Banken und Versicherungen haben in der Vergangenheit Historiker damit beauftragt, ihre NS-Zeit aufzuarbeiten. Wie war das damals bei der Reichsdruckerei?

Die NS-Zeit spielt natürlich auch in der Geschichte der Reichsdruckerei eine bedeutende Rolle. Die NSDAP machte sich zu diesem Zeitpunkt alle staatlichen Einrichtungen zu Eigen. Anfang 1933 wurde das Direktorium gegen linientreue Mitarbeitern ausgetauscht, ein üblicher Vorgang in der damaligen Zeit. Eine komplette Gleichschaltung auf der Ebene der Angestellten und Arbeiter wurde jedoch nicht erreicht. Auch politisch links orientierte Mitarbeiter blieben angestellt. Denn für die Arbeit in der Reichsdruckerei waren spezielle Fachkenntnisse erforderlich, daher konnte nicht jeder unliebsame Mitarbeiter problemlos ersetzt werden.

Gab es ganz bestimmte Erwartungen an die historische Aufarbeitung dieser Zeit?

Die Bundesdruckerei wollte ungeschminkte Antworten auf konkrete Fragen: Erfolgten Enteignungen und Konfiszierungen von jüdischem Besitz zugunsten der Behörde? Wurden Zwangsarbeiter beschäftigt? Beides konnten wir nicht nachweisen. Wir vermuten, dass die bereits erwähnten notwendigen Erfahrungen und Kompetenzen den Einsatz von Zwangsarbeitern von vornherein unmöglich machten. Zudem existierten hohe Sicherheitsauflagen für neue Mitarbeiter.

Auf welche historisch gewachsenen Stärken kann das Unternehmen aus Ihrer Sicht zurückgreifen und in der Zukunft darauf aufbauen? Besonders die langjährigen Mitarbeiter mit denen wir sprachen, haben viele Höhen und Tiefen gemeinsam durchgestanden und sind stolz auf das bisher Geleistete. In vielen Fällen ist die Bundesdruckerei Vorreiter gewesen, wenn es um neue Techniken oder Sicherheitsinnovativen geht. Änderungen und Neuerungen gehören daher von jeher zum Geschäft. Aus meiner Sicht ist das eine gute Basis für künftige Herausforderungen, die die Geschichte der Bundesdruckerei um weitere Kapitel fortschreiben werden.

Herr Dr. Kamp, vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person

Dr. Michael Kamp studierte von 1991 bis 1996 Geschichte und Politikwissenschaften an der LMU München und am University College London. Während seiner Studienzeit betrieb er für private Auftraggeber Ahnenforschung. Aus dem Nebenjob wurde mehr: 2001 gründete er nach seiner Promotion zusammen mit einem Universitätskollegen das Unternehmen Neumann & Kamp Historische Projekte. Der Historiker hat seitdem über 40 Werke zu Firmengeschichten und Biografien verantwortet. Unter anderem publizierte Kamp Chroniken über deutsche Traditionsfirmen wie Pfanni, Fresenius oder MAN Nutzfahrzeuge.

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