Künstliche Intelligenz in deutschen Unternehmen: drei Beispiele

Die Maschine macht's

Künstliche Intelligenz wird besser und billiger: Algorithmen erkennen Fehler akkurater als der Mensch, legen Dokumente automatisch ab und prüfen per Chatbot, ob eine Schadenersatzklage Aussicht auf Erfolg hat. Drei spannende Beispiele aus der Praxis.

Die Maschine macht’s

Künstliche Intelligenz (KI) ist laut dem amerikanischen Trendforscher John Naisbitt der Megatrend der Stunde. Dabei ist sie als Vision eigentlich schon recht alt: Bereits 1956 prägte John McCarthy, Informatiker und KI-Pionier, diesen Begriff. McCarthys Grundgedanke war, „dass jeder Aspekt des Lernens oder jeder anderen Eigenschaft der Intelligenz im Prinzip so genau beschrieben werden kann, dass er mit einer Maschine simuliert werden kann“. Immer mehr Unternehmen setzen nun auf KI-Verfahren, um Daten, Texte, Bilder oder Sprache zu analysieren und in Sekundenschnelle maschinell weiterzuverarbeiten. Lesen Sie drei innovative Anwendungsfälle aus der deutschen Wirtschaft.

1. Continental AG, Hannover

„Künstliche Intelligenz ist nach Computersoftware und Internet die dritte technische Revolution in der Wirtschaft“, sagt Demetrio Aiello, Leiter Künstliche Intelligenz und Robotik der Continental AG. Das Hannoveraner Traditionsunternehmen, einer der größten Autozulieferer der Welt, setzt KI-Verfahren bereits in vielen Bereichen ein.

Wenn die Reifen bei Continental die Fertigungsstraße verlassen, müssen sie noch durch die Qualitätsprüfung. In früheren Zeiten inspizierten erfahrene Mitarbeiter die Reifen. Später übernahmen Röntgengeräte die Aufgabe. Das System schlug allerdings zu häufig Alarm. Seit Continental die Bildauswertung der Röntgeninspektion um ein KI-Verfahren erweitert hat, ist die Rate auf ein Prozent gesunken.

Künstliche Intelligenz ist nach Computersoftware und Internet die dritte technische Revolution in der Wirtschaft.

Demetrio Aiello

Dieses Verfahren nutzt sogenannte tiefe neuronale Netze. Sie bilden die Funktionsweise des menschlichen Gehirns nach. Diese tiefen Netze lassen sich etwa für die Bilderkennung so trainieren, dass sie mittlerweile bessere Ergebnisse als Menschen erzielen. Sie sind nicht nur schneller, sondern haben auch einen weiteren Vorteil: „Tiefe neuronale Netze werden anders als der Mensch nicht müde“, sagt Aiello.

Bei solchen klar definierten Aufgaben übertreffen KI-Systeme Menschen inzwischen regelmäßig. Selbst im japanischen Go-Spiel, das lange als zu schwierig für KI galt, musste sich der Mensch bereits der Maschine geschlagen geben. Eine allgemeine künstliche Intelligenz gebe es aber noch nicht, sagt Aiello. Die zweite Herausforderung für die KI-Forschung ist neben der Datenanalyse nämlich, Wissen und Erfahrung zu modellieren.

2. TRAFFIQX.NET, Kaiserslautern

Eine Vision am Beginn des Computerzeitalters war das papierlose Büro. Doch nicht nur ein Wildwuchs von Standards verhinderte, dass die Vision Wirklichkeit wurde. Viele, vor allem kleinere Unternehmen hatten nicht die nötige Technik, um die Kommunikation mit Kunden und Geschäftspartnern elektronisch abzuwickeln. „Unsere Idee war, eine Plattform zu schaffen, die genau das ermöglicht“, sagt Dieter Keller, Geschäftsführer der b4value.net GmbH.

Die erste Version war das 2004 gestartete value.net. Seit 2016 hat das Netz den vollen Leistungsumfang und heißt nun TRAFFIQX. Dort können Unternehmen Geschäftsdokumente in jeder beliebigen Form – ob als Datei, Fax oder eingescanntes Papierdokument – einspeisen, und das TRAFFIQX-Netz ordnet sie den richtigen Geschäftsprozessen zu und sendet sie an den korrekten Empfänger.

Dass dies gelingt, ermöglichen KI-Systeme. Zu den dabei eingesetzten Verfahren gehören Texterkennung, Sprachanalyse, Hypothesenbildung und Maschinenlernen. In den Rechenzentren der verschiedenen TRAFFIQX-Provider, zu denen auch die Bundesdruckerei gehört, werden eingehende Dokumente klassifiziert: Handelt es sich um eine Bestellung, eine Rechnung, ein anderes Dokument? Absender und Empfänger sowie die Inhalte werden automatisch erfasst. Die Inhalte eines Dokuments werden dann verschiedenen Prozessen zugeordnet.

Auf diese Weise werden inzwischen Millionen von Dokumenten im TRAFFIQX-Netz zugestellt und verwaltet. Über den TRAFFIQX-Provider DATEV sind 300.000 Teilnehmer an das Netz angeschlossen, über die Bundesdruckerei 5.000.

3. RATIS Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, Passau

Auch Unternehmen aus dem Dienstleistungssektor können von KI-Verfahren profitieren. Wie man diese bei Gesprächen mit Kunden einsetzt, zeigt die Kanzlei RATIS aus Passau. 2016 gegründet, hat sie sich auf Reklamationen von verspäteten Flügen oder Bahnfahrten spezialisiert. Nach EU-Recht können Passagiere bei bestimmten Verspätungen eine Entschädigung verlangen. „Die Dialoge mit den Kunden sind hierbei immer sehr ähnlich“, sagt Martin Bartenberger, technischer Direktor von RATIS. Das brachte die Kanzleigründer auf die Idee, neue Fälle von einem Chatbot aufnehmen zu lassen.

Der sogenannte RATISBOT ist in der Lage, bei einem Mandanten nachzufragen, wenn der etwa seinen Wohnort oder den Namen der Fluglinie undeutlich ausgesprochen hat. Im Hintergrund greift der Bot permanent auf eine Datenbank zurück, um zu prüfen, ob die Antwort des Mandanten plausibel ist. Am Ende des Gesprächs kann er sogar eine erste Einschätzung geben, wie hoch die Entschädigung im jeweiligen Fall ausfallen könnte.

Bartenberger erwartet, dass sich im Rechtsmarkt in den kommenden Jahren durch KI-Verfahren einiges ändern wird. Denn Aktenbestände in Kanzleien seien im Grunde juristische Datenbanken – und damit ein ideales Anwendungsfeld für KI. In den USA nutzen erste Kanzleien inzwischen auch KI-Verfahren, um vorbereitende Fallanalysen anhand älterer Akten vorzunehmen.

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