Die analogen Eisschollen werden immer kleiner

Magazin Interview D 21

Deutschland wird immer digitaler. Was bedeutet das für die Gesellschaft – insbesondere für Menschen, die noch keine Digitalkompetenz aufweisen?

Die Initiative D21 versteht sich als Netzwerk für die digitale Gesellschaft und begleitet die digitale Transformation seit gut 20 Jahren. Zeit für ein Gespräch mit der D21 Geschäftsführerin, Lena-Sophie Müller.

Lena-Sophie Müller, Geschäftsführerin der Initiative D21 e.V.

Lena-Sophie Müller, Geschäftsführerin der Initiative D21 e.V., Bildquelle: Initiative D21

Frau Müller, der D21-Digital-Index 2017/2018 bildet seit einigen Jahren jährlich den Digitalisierungsgrad der Gesellschaft in Deutschland ab. Was ist das zentrale Ergebnis in diesem Jahr?

Lena-Sophie Müller: Wir sehen, dass die deutsche Gesellschaft so digital ist, wie nie zuvor. Die Digitalkompetenzen stiegen im Vergleich zum Vorjahr und die Menschen zeigen sich zunehmend offen gegenüber neuen technischen Entwicklungen. Gleichzeitig beobachten wir aber auch eine digitale Spaltung in der Gesellschaft. Abgehängt sind inzwischen vor allem Ältere, insbesondere die über 65-Jährigen, ebenso Menschen mit niedriger Bildung. Jeder Dritte fühlt sich von der Dynamik und Komplexität der Digitalisierung überfordert. Wir müssen als Gesellschaft dafür sorgen, dass nicht größere Teile der Bevölkerung dauerhaft von Teilen des gesellschaftlichen Miteinanders ausgeschlossen sind.

Welche Konsequenzen hat die Digitalisierung für den Alltag der Menschen?

Lena-Sophie Müller: Die Digitalisierung dringt immer tiefer in alle Bereiche unseres Lebens ein – die analogen Eisschollen werden immer kleiner. Denken Sie nur einmal zehn oder zwanzig Jahre zurück, wie viel sich seitdem verändert hat. Wir sind heute wie selbstverständlich immer und überall erreichbar und tragen in unserer Hosentasche das gebündelte Wissen der Welt mit uns herum. Wir senden uns in Echtzeit Grüße, Bilder und Videos einmal quer über den Globus. Immer mehr Menschen arbeiten vorwiegend oder ausschließlich digital. Viele unterscheiden nicht mehr zwischen online und offline – die Grenzen verschwimmen zunehmend. Aktuell stehen wir am Beginn der nächsten großen Revolution, smarte, intelligente und vernetzte Geräte machen derzeit riesige Fortschritte und werden zum Bestandteil unseres alltäglichen Lebens.

Trotz der Verbesserungen ist der Anteil der mobilen Arbeitnehmer noch gering. Welche Maßnahmen sind hier aus Ihrer Sicht nötig, um die Potenziale flexibler Arbeit nutzen zu können?

Lena-Sophie Müller: Unsere aktuellen Erhebungen ergaben, dass gerade einmal jede/r Sechste mobil und flexibel arbeitet – bei den Menschen mit Bürotätigkeiten sind es immerhin fast 30 Prozent. Viele derjenigen, deren Beruf grundsätzlich mobiles Arbeiten zulassen würde, erhalten von ihrem Arbeitgeber nicht die Möglichkeiten dazu. Dafür brauchen sie zunächst die notwendigen technischen Möglichkeiten, also mobile Arbeitsgeräte, aber auch sichere mobile Zugriffsmöglichkeiten auf Daten und Kommunikation – das ist für viele Arbeitgeber natürlich erst einmal eine Investition, die sich aber lohnen kann.

Was braucht es jenseits einer besseren technischen Ausstattung?

Lena-Sophie Müller: Mindestens genauso wichtig ist ein Kulturwandel. Wenn ich als Arbeitgeber meine Mitarbeiter nicht mehr die ganze Zeit vor Ort habe, muss ich die Kommunikation und Organisation anders gestalten und vor allem dem Arbeitnehmer auch ein größeres Maß an Vertrauen entgegenbringen. Außerdem erlaubt das flexible Arbeiten natürlich auch, dass man nicht unbedingt am Stück von 9 bis 17 Uhr arbeiten muss, sondern die Arbeitszeiten den Lebensumständen anpassen kann – also beispielsweise die Kinder von der Kita abholt und sich dann abends noch einmal hinsetzt und arbeitet. Hier muss also der Wandel von einer Präsenz- hin zu einer Ergebniskultur erfolgen. Das kann für beide Seiten zunächst ungewohnt sein, sich aber durchaus lohnen. Gerade viele junge Menschen fordern mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein – wer diese Möglichkeiten nicht bietet, der ist für manche ArbeiternehmerInnen möglicherweise nicht mehr attraktiv.

Im Arbeitsleben muss der Wandel von einer Präsenz- zu einer Ergebniskultur erfolgen.
Lena-Sophie Müller

Haushaltsroboter, Digitale Assistenten und Co. sind für viele der Befragten noch Fremdkörper. Wie muss die Zusammenarbeit mit intelligenten Geräten gestaltet sein, damit die Geräte mit Menschen harmonisch interagieren?

Lena-Sophie Müller: Unsere Studienergebnisse zeigen, dass die Menschen aktuell noch zurückhaltend sind im Umgang mit intelligenten Geräten, die sie im Alltag begleiten. Sie sind insbesondere dann vorsichtig, wenn sie sich potenziell in Abhängigkeiten begeben. Das heißt, der Staubsaugerroboter ist für viele eher vorstellbar als ein Pflegeroboter oder die Fahrt in einem autonomen Auto. Wir können derzeit beobachten, wie vernetzte und „intelligent“ agierende Geräte immer mehr Anwendungsfelder erobern. Die Robotik macht ebenso große Fortschritte wie die Künstliche Intelligenz. Die zunehmende Datifizierung unserer Umwelt erlaubt eine immer tiefergreifende Auswertung und Vernetzung von Daten.

Das führt uns zum relativ neuen aber umso drängenderen Bereich der „Digitalen Ethik“. Technisch betrachtet bietet die Digitalisierung nie dagewesene Handlungsoptionen, diese müssen wir nun aber gesellschaftlich bewerten. Wie möchten wir jetzt und zukünftig mit Maschinen umgehen? In welchen Bereichen geben wir Entscheidungen an Algorithmen ab?

Können Sie hier konkrete Beispiele geben?

Lena-Sophie Müller: Gern. Künstliche Intelligenz etwa kann bei der Auswertung von Krankheitsbildern enorm helfen, weil sie unglaubliche Datenmengen miteinander in Verbindung bringen kann – sind wir bereit, dafür auf einen gewissen Schutz unserer persönlichen Daten zu verzichten? Wie wiegt sich das Interesse der Allgemeinheit gegen das Interesse der oder des Einzelnen auf?

Nächstes Beispiel: Die Menschen geben beim Einkaufen durch Kundenkarten und Bonuspunkte freiwillig sehr viele Daten an Händler weiter. Diese können die Daten durch zunehmend komplexere Algorithmen in verschiedene Richtungen auswerten und dadurch Profile erstellen (Stichwort „Big Data“). Leben Sie in einer Beziehung oder sind Sie Single, haben Sie Kinder? Welche Produkte könnten Sie morgen interessieren? Leben Sie gesund oder ungesund, haben Sie vielleicht gewisse Krankheitsrisiken? Das sind Daten, die für allerhand Organisationen von großem Interesse sein können. Wer aber bekommt diese Informationen über uns und was passiert mit ihnen? Wäre für uns als Gesellschaft beispielsweise denkbar, dass Krankenkassen anhand des Einkaufsverhaltens Profile erstellen und die Beiträge individuell anpassen oder möchten wir das verhindern?

Es gibt unzählige Fragen, die sich schon heute oder morgen dazu ergeben und denen wir uns als Gesellschaft stellen müssen. Das erfordert dringend grundlegende Digitalkompetenzen.

Die Digitalkompetenz ist nach wie vor in erster Linie eine Bildungsfrage. Wo muss Deutschland – wo müssen die deutschen Arbeitgeber – ansetzen, um die Digitalkompetenz zu erhöhen?

Lena-Sophie Müller: Die meisten Menschen eignen sich ihre digitalen Kompetenzen durch „Learning-by-doing“ an oder holen sich Unterstützung in ihrem persönlichen Umfeld durch Freunde oder Familie. Doch das funktioniert bei weitem nicht für alle. Wie bereits erwähnt, fühlt sich jeder Dritte Deutsche digital abgehängt – das sind 16 Millionen Menschen. Denen, die sich nicht selbst oder durch ihr Umfeld notwendige Digitalkompetenzen aneignen können, müssen wir mit niedrigschwelligen und passgenauen Angeboten helfen. Wir sehen beispielsweise, dass gerade einmal 15 Prozent über bezahlte Fortbildungen ihre Kompetenzen ausbauen. Um die Bevölkerung im Lernprozess zu unterstützen sind bessere und strukturelle Angebotsstrukturen notwendig.

Digitale Dienste halten immer mehr Einzug in das Leben, etwa Reisebuchungen im Internet. Das Interesse an Fortbildung im digitalen Bereich aber ist gering. Wohin führt uns das Missverhältnis zwischen Anwendung und Wissen?

Lena-Sophie Müller: Im schlimmsten Fall führt es dazu, dass Menschen dauerhaft den Anschluss verlieren und ihnen dadurch die gesellschaftliche Teilhabe nicht mehr möglich ist. Je mehr Dienstleistungen und Handel sich beispielsweise über das Internet abspielt, umso schwerer werden alltägliche Dinge für Menschen, die dazu keinen Zugang haben. Wenn Informationen und Nachrichten sich immer mehr ins Internet verlagern, wenn sich politische Teilhabe zunehmend hier abspielt, dann ist das unmittelbare Partizipation an der Gesellschaft, die ihnen nicht mehr möglich ist. Auch die Kommunikation befindet sich seit einiger Zeit in einem großen Wandel und wird sich immer mehr auf die digitalen Kanäle konzentrieren. Wenn man – beispielsweise als älterer Mensch – kein Smartphone besitzt oder dieses nicht bedienen kann, die Kinder und Enkelkinder sich aber vornehmlich über Whatsapp und Co. austauschen, sich über den Familienchat Bilder schicken und unterhalten, dann bedeutet auch das den Verlust an Teilhabe.

Und noch zu einem anderen Punkt: Wir alle wissen, dass das Internet auch seine dunklen Seiten hat: Spam-Mails, Viren, Trojaner, Phishing, Fake News und so weiter – auch hier braucht es digitale Kompetenzen, um sich selbstbestimmt und sicher zurechtzufinden.

Auch im kommenden Jahr werden Sie den Index wieder erheben. Welches (Teil-)Ergebnis würden Sie dann am liebsten verkünden?

Lena-Sophie Müller: „Die Digitale Spaltung ist überwunden“ und „Deutschland ist Vorreiter in der Digitalisierung“ – ich fürchte aber, darauf werden wir wohl noch einige Zeit warten müssen.

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