Die Deutschen und der Datenschutz

Die Deutschen und der Datenschutz

Wenn ein amerikanisches Unternehmen Fotos von frei zugänglichen Straßen und Plätzen macht, ist das in Deutschland schon ein Skandal. Dabei brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Öffentlichkeit.

Die Deutschen sind ein zutiefst privates Volk. Das hat nicht nur mit ihrer politischen Geschichte im letzten Jahrhundert zu tun. Ich glaube, es kommt aus einer noch tieferen Schicht ihrer Seele. Der deutsche Großvater meiner Frau ist 1923 in Amerika von Bord eines Schiffs gegangen und brachte ein tief sitzendes Bedürfnis nach Diskretion mit. „Das braucht Ihr niemandem auf die Nase zu binden“, pflegte er zu sagen und hob seinen warnenden Zeigefinger, um uns zu schützen. „Das brauchen die Leute gar nicht zu wissen.“

Nun stehen die Deutschen keineswegs allein da mit ihrem Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden. Aber soweit ich feststellen konnte, wird die Debatte um Datenschutz nirgendwo erbitterter geführt als in Deutschland. Deutschland stellt daher ein ideales Laboratorium dar, um unsere Sehnsucht nach Privatheit zu untersuchen, die sich so verzweifelt gegen den unerbittlichen Trend zur Öffentlichkeit wehrt, der von den sozialen Netzwerken ausgeht.

Google Street View hat in diesem Land einen ziemlichen Aufstand ausgelöst. Als Googles Kamerawagen auf den deutschen Straßen ausschwärmten, erhoben die deutschen Medien, aber auch die Datenschutzbeauftragten der Regierung Protest. Politiker verlangten, die Gesichter von zufällig fotografierten Passanten, aber auch Nummernschilder und die Schilder mit Hausnummern müssten unkenntlich gemacht werden – obwohl sie in der Öffentlichkeit fotografiert worden waren. Google fügte sich. In Hamburg erklärte sich Google bereit, die Bewohner rechtzeitig zu informieren, ehe die Street-View-Kameras losgeschickt wurden. (Achtung! Google kommt! Versteckt eure Omas und Kinder!)

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner erklärte 2010, Street View sei ein flächendeckender Angriff und „eine millionenfache Verletzung der Privatsphäre“. Sie vertrat die Ansicht, „die Bürger sollten nicht gegen eine Veröffentlichung ihrer privaten Daten widersprechen müssen, sondern Google sollte die Pflicht haben, die Genehmigung der Bürger einzuholen, wenn sie das Foto eines Privathauses veröffentlichen möchten“. Ihr Ministerium stellte ein Online-Formular ins Netz, mit dem die Bürger Google auffordern konnten, die Fassaden ihrer Häuser unkenntlich zu machen.

Als Street View 2010 in Deutschland ans Netz ging, hatten etwa 244.000 Bürger das nötige Formular ausgefüllt, das Google verpflichtete, ihre Privatwohnungen und auch Büros unkenntlich zu machen. Das entsprach drei Prozent der 8,5 Millionen Häuser in den 20 Städten, die Google erfasst hatte. Die Deutschen erfanden dafür auch gleich ein Wort: Verpixelungsrecht. Aber keineswegs alle Deutschen befürworteten die Verdunkelung. Etliche spotteten über die Verpixelungswut und erklärten, Deutschland würde dadurch zu „Blurmany“ („blur“ bedeutet übersetzt „Unklarheit“ oder „Unschärfe“).

Auch ich hatte mich über das Verpixelungsrecht lustig gemacht. Aber als ich dann das Debüt von Street View in Deutschland sah, fand ich es gar nicht mehr lustig, sondern recht ärgerlich. Ich suchte Zuflucht in meinem Blog, wo ich einen Beitrag mit der Überschrift verfasste: „Deutschland, was hast Du getan? Du hast Deine Städte digital geschändet.“ Wenn man online eine schöne deutsche Landschaft betrachtet, wird man plötzlich von einer Pixelwolke überfallen, die den öffentlichen Ausblick verdunkelt. Bei einem Datenschutzforum der Grünen in Berlin wurde ich gefragt, ob künftige Historiker die jetzige Generation womöglich beschuldigen würden, das digitale Bild der deutschen Städte auf ähnliche Weise in Trümmer gelegt zu haben, wie die realen Städte im Bombenkrieg ruiniert wurden. Das Thema ist emotional stark besetzt.

In der Tat sollten sich die Deutschen an ihre Geschichte erinnern, äußerte ich auf dieser Konferenz, wenn sie Street View solchen Beschränkungen unterwerfen, denn das sei ein gefährlicher Präzedenzfall. Wenn man Google dazu zwingen könne, einen öffentlichen Platz nicht zu fotografieren, was solle dann einen mächtigen Übeltäter daran hindern, einem Journalisten oder einfachen Bürger verbieten zu lassen, seine Schandtaten zu dokumentieren? Moment, wandten meine deutschen Gesprächspartner ein, es bestehe ja wohl ein Unterschied zwischen einer Privatperson und einer Person des öffentlichen Lebens. Es bestehe ein Unterschied zwischen einer öffentlichen Handlung und einer privaten Handlung, die in der Öffentlichkeit stattfinde.

„Der Umgang mit der Öffentlichkeit ist auch ein Hinweis darauf, wie viel Bereitschaft zum Risiko und zur Veränderung, zum Fortschritt und zur Innovation in einer Gesellschaft vorhanden ist und wie sie mit Erfolg und Misserfolg umgeht."

Das ist eine sehr gefährliche Unterscheidung, wenn sie von Fall zu Fall entschieden wird. Was ist, wenn ich auf der Straße Müll wegschmeiße, und Sie wollen das mittels eines Fotos festhalten? Was tun Sie, wenn ich mich dann darauf berufe, das sei meine Privatsache? Und wenn es der Bürgermeister wäre, den Sie dabei fotografieren, wie er sich in eine Opiumhöhle schleicht? Oder ein Polizist, der einen harmlosen Bürger verprügelt? Oder Eltern, die ihr Kind schlagen? Können die dann nicht ebenfalls verlangen, dass ihre Privatsphäre auch in der Öffentlichkeit respektiert wird? Könnte sie das nicht sogar ermutigen, sich schlecht zu verhalten? Jede Beschränkung dessen, was öffentlich ist, könnte für den Tyrannen doch auch einen Schutzschirm abgeben, hinter dem er sich versteckt.

Was öffentlich ist, sollte auch öffentlich bleiben. Das wurde von einem deutschen Gericht bestätigt. Im Jahr 2010 war Google von einer Frau angezeigt worden, die befürchtete, Street View könne ihre Privatsphäre verletzen. Im März 2011 stellte das Berliner Kammergericht fest, Street View sei rechtmäßig, weil die Bilder von der Straße aus fotografiert würden. Was öffentlich ist, gehört uns, der Öffentlichkeit. Es gehört keinem Mitglied der Öffentlichkeit mehr als einem anderen. Es gehört nicht der Regierung.

Es ist Besitz der Gesellschaft – es gehört uns. „Die Straßen gehören jedermann, das heißt also auch Google“, schrieb die Financial Times Deutschland in einem Leitartikel. Wenn es verallgemeinert würde, dass Personen in der Öffentlichkeit nicht fotografiert werden dürften, müssten die Straßen zum „Privateigentum erklärt werden. Der öffentliche Raum würde verschwinden“.

Bei einem Besuch in München im Jahr 2009 war ich auch in der Sauna meines Hotels. Die Deutschen gehen gern in die Sauna, und auch ich war schnell begeistert. Während einer Recherchereise besuchte ich später – natürlich ausschließlich aus beruflichen Gründen – noch weitere Bäder, zum Beispiel in Berlin und in Erding. Für die Deutschen sind derlei Bäder eine Frage der robusten Gesundheit. Zum Teil werden die Badefreuden auch völlig unbekleidet genossen, das nennt man Freikörperkultur. Männlein und Weiblein laufen völlig nackt herum und schwitzen und schwimmen zusammen. Was für mich ein Hinweis darauf war, dass die Deutschen zwar ihre Privatsphäre, nicht jedoch unbedingt ihren Intimbereich sakrosankt halten. Das ist aber mehr als eine billige Pointe. Dahinter steht eine grundsätzliche Frage, die alle angeht: Warum ist das Private privat? Und warum ist das Öffentliche öffentlich? Wenn wir darüber reden, bleibt es uns nicht erspart, unsere kulturellen Konventionen zu überprüfen, um festzustellen, was sie über uns und unsere Einstellungen zur Privatsphäre aussagen. Wir als Gesellschaft, aber auch als Einzelne müssen diese Normen überprüfen. In Amerika ist nichts privater als der Intimbereich. Wenn man seine Geschlechtsteile entblößt, wird man verhaftet. In Deutschland heißt es schon mal: Was soll das Getue? So etwas haben wir doch alle. Das halte ich für eine weitaus reifere Einstellung als die amerikanische Prüderie.

In den USA sind die privaten finanziellen Verhältnisse fast genauso geheim wie der Gesundheitszustand. In Norwegen und Finnland dagegen gibt es kein Steuergeheimnis; die Unterlagen der Behörden, also auch der Finanzämter, sind öffentlich. In der diskreten Schweiz wiederum brachten zwei Politiker ihre Gegner damit in Rage, dass sie ihre eigenen Einkommen, Vermögensverhältnisse und Steuerzahlungen veröffentlichten. In den Vereinigten Staaten werden Verdächtige bei ihrer Verhaftung rücksichtslos bloßgestellt: Ihre Namen werden veröffentlicht, ihre Fotos online gestellt und beim sogenannten „Perp Walk“ werden sie den Reportern und Fotografen öffentlich vorgeführt. In Deutschland dagegen werden die Fotos von Verdächtigen bei der Veröffentlichung verpixelt oder anderweitig unkenntlich gemacht. Im Nahen Osten und in Deutschland sind Grundstücke von hohen Mauern umgeben, aus Gründen der Sicherheit und zum Schutz der Privatsphäre. In den Niederlanden, heißt es, müssten die Vorhänge immer offen bleiben, ganz egal, was dahinter vorgehe. Ein Norweger dagegen hat mir erzählt, dass eine Ausländerin bei der Polizei angezeigt wurde, weil sie in ihrem eigenen Haus nackt herumlief.

(Ich muss allerdings sagen, dass ich auf Google Street View kein einziges niederländisches Fenster gefunden habe, dessen Vorhänge nicht zugezogen gewesen wären. Wahrscheinlich waren die Bewohner rechtzeitig gewarnt worden, dass der Besuch des Google-Manns bevorstand.)

In Deutschland hat die Öffentlichkeitsbewegung noch einen weiten Weg vor sich. Blogging und der ungehemmte Austausch von Erlebnissen und Meinungen sind noch bei Weitem nicht so populär wie in vielen anderen Ländern. Einige meiner Freunde sagen, Deutsche teilten ihre Erlebnisse und Meinungen nicht gern mit anderen; sie erzählen sich nicht einmal gegenseitig, wem sie bei Wahlen ihre Stimme geben. Andererseits sehe ich im deutschen Fernsehen praktisch nichts anderes mehr als Talkshows, in denen Deutsche zur besten Sendezeit allerlei Meinungen austauschen.

Als ich in meinem Blog über dieses Paradoxon schrieb, kommentierte ein Leser: „Wir haben keine Mitteilungskultur. Wir haben eine ziemlich asoziale Einstellung und versuchen, jedes bisschen Wissen als Wettbewerbsvorteil zu nutzen, den wir besser für uns behalten. Narren, die ihre Kenntnisse umsonst hinausposaunen, misstrauen wir eher … Ich persönlich wurde mit folgender automatischer Konditionierung erzogen: Du hast ein Problem? Nicht weitersagen, sonst wird es gegen Dich verwendet! Du hast einen Erfolg gehabt? Halt die Klappe – sonst machst Du die Leute bloß neidisch! … Einen Fehler gemacht? Wie peinlich. Drüber reden? Lieber Gott, bloß nicht! Deswegen machen wir nicht bloß unsere eigenen Fehler, sondern sind darauf getrimmt, auch die Fehler zu wiederholen, die schon andere gemacht haben.“

Diese Darstellung habe ich anderen Deutschen gegenüber mehrfach zitiert – und nicht wenige haben sie mir bestätigt. Sie sagten, es falle Deutschen sehr schwer, ihre Fehler öffentlich zu machen. Die deutschen Internetleute, mit denen ich gesprochen habe, beneiden die amerikanischen Unternehmer, die ständig mit ihren Fehlern angeben und damit demonstrieren, dass sie daraus gelernt haben. Die geschlossene industrielle Gesellschaft, die das moderne Deutschland so erfolgreich gemacht hat, wird von der offenen, digitalen Gesellschaft ersetzt, und meine deutschen Freunde fürchten, Deutschland könnte wegen seiner Versagensängste strategisch ins Hintertreffen geraten. Öffentlichkeit hat nicht bloß damit zu tun, dass man anderen Leuten über Twitter erzählt, was man zum Frühstück gegessen hat, dass man anderen in seinem Blog seine Meinung mitteilt oder nackt in die Sauna geht.

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