Der Kult des Sozialen

Der Kult des Sozialen

Übersehen wir die großen Risiken und Probleme unserer schönen neuen Welt, in der alles öffentlich ist?

Immer wieder, wenn ich in Amsterdam bin, besuche ich das Rijksmuseum, um mich an die Geschichte des Privaten zu erinnern. Ich gehe dorthin, um ein Bild namens Briefleserin in Blau anzuschauen, das Jan Vermeer 1663 gemalt hat. Es zeigt eine unbekannte holländische Frau, in die Lektüre eines Briefs versunken. Vermeers Bild, um einen Ausdruck der Verfechter des Privaten Louis Brandeis und Samuel Warren zu verwenden, ist eine Feier der „heiligen Bereiche des privaten und häuslichen Lebens“. Es scheint, als ob der Künstler seinen Abstand wahrte, um die junge Frau zu erfassen, vertieft in ihre private, für die Gesellschaft nicht sichtbare Welt.

Heute, da Social Media die Art und Weise, wie wir kommunizieren und interagieren, unentwegt radikal verändern, denke ich mit schwerem Herzen an die Briefleserin in Blau. Denn in unserem Zeitalter der Vernetzung von Facebook, Twitter, Foursquare, Linkedin, Pinterest, Google+, Instagram und Tumblr verschwindet die soziale Unsichtbarkeit, die Vermeer so einprägsam festgehalten hat. Und zwar aus dem Grund, den jede namhafte Größe des Silicon Valley, vom Google-Chef Eric Schmidt bis zum Facebook-CEO Mark Zuckerberg, öffentlich bestätigt hat: weil nämlich das Private tot ist, ein Opfer unseres Kults des Sozialen, unserer Online-Obsession mit radikaler Transparenz. Alles und jeder im Internet wird gemeinschaftlich, fängt an zusammenzuarbeiten. Die Zukunft – meine Zukunft, Deine Zukunft, die Zukunft von uns allen – wird, mit einem Wort, „social“.

In diesem zukünftigen Netzwerk werden wir alle wissen, was jeder die ganze Zeit tut. Es wird die Central Intelligence Agency für das Leben im 21. Jahrhundert. Wie die utopischen Denker Don Tapscott und Anthony D. Williams in ihrem Buch Macrowikinomics schreiben, stellt das gegenwärtige „Zeitalter der vernetzten Intelligenz“ einen „Wendepunkt in der Geschichte“ dar, ähnlich dem der Renaissance. Utopisten wie Tapscott haben in gewisser Weise Recht.

Im Internet von heute ist alles, was wir tun – von E-Commerce, Ortungsdiensten und E-Mail bis hin zu Online-Suche, Werbung und Unterhaltung –, zunehmend offen und transparent. Und es ist dieses zunehmend allgegenwärtige soziale Netzwerk – befeuert von unseren Milliarden von intimen Tweets und narzisstischen Status-Updates –, das in die „heiligen Bereiche“ unseres privaten und häuslichen Lebens eindringt.

Immer wieder, wenn ich in London bin, besuche ich das University College, um mich an die Zukunft des Privaten zu erinnern. Dort besuche ich das Grab des utilitaristischen Sozialreformers Jeremy Bentham, ein Mausoleum aus Glas und Holz, das er sein „Auto Icon“ nannte, von dem aus der wächserne Leichnam des Philosophen seit 150 Jahren über uns wacht. Es war Bentham, der 1787, in der Morgenröte des industriellen Zeitalters, eine in seinen Worten „einfache architektonische Idee“ konzipiert hat, um die Verwaltung sozialer Institutionen zu verbessern, von Gefängnissen und psychiatrischen Anstalten bis zu Armenhäusern und Schulen. Bentham stellte sich ein physisches Netzwerk kleiner Räume vor, in denen wir „in jedem Augenblick“ überwacht würden.

Er nannte einen solchen Trakt, ohne jede Ironie, „Panopticon“ oder „Inspection House“. Benthams Ziel war die Eliminierung von Geheimnis und Privatheit. Alles sollte, gemäß diesem utilitaristischen Erfinder des Prinzips vom größtmöglichen Glück, geteilt und somit sozial werden. In Benthams perfekt effizienter und transparenter Welt würde sich niemand irgendwo vor irgendjemandem verstecken können.

Unglücklicherweise war Benthams Panopticon eine dunkle Vorahnung. Das mechanische Zeitalter des Telegrafen, der Fabrik und der Filmkamera erschuf die materielle Architektur, um jeden in ein Ausstellungsstück zu verwandeln – immer unter Beobachtung durch unsere Big Brothers in Regierung, Wirtschaft und Medien. Im industriellen Zeitalter wurden Fabriken, Schulen, Gefängnisse und, was am bedrohlichsten ist, ganze politische Systeme auf dieser Technologie der kollektiven Überwachung aufgebaut. Die letzten 200 Jahre waren in der Tat das Zeitalter der großen Ausstellung.

Und doch wollte niemand im Industriezeitalter tatsächlich zu einem Artefakt in dieser kollektiven Ausstellung werden. Die großen Kritiker der Massengesellschaft – von John Stuart Mill, Warren und Brandeis bis George Orwell, Franz Kafka und Michel Foucault – haben versucht, die Privatheit des Einzelnen vor dem ständigen Blick des Panopticon zu verbergen. Foucault warnte: „Sichtbarkeit ist eine Falle.“

Über die Freiheit bis Josef K. im Prozess und Winston Smith in 1984, der Held des industriellen Massenzeitalters das Individuum, das sich seiner eigenen Unsichtbarkeit erfreut, das der Kamera den Rücken zuwendet, das – in der zeitlosen Verteidigung des Privaten von Warren und Brandeis – einfach nur „in Ruhe gelassen“ werden will.

Aber jetzt, während des Untergangs des industriellen und beim Anbruch des digitalen Zeitalters, ist Benthams einfache architektonische Idee zurückgekehrt. Doch die Geschichte wiederholt sich nicht, zumindest nicht auf genau die gleiche Weise. Heute, da das Internet sich von einer Plattform für Daten zu einem Raum für Menschen entwickelt, ist das Panopticon wieder aufgetaucht, mit einer beklemmenden Wendung. Was wir damals als ein Gefängnis sahen, gilt uns jetzt als Spielplatz; was wir einmal für Schmerz hielten, gilt uns jetzt als Lust. Auf das Zeitalter der großen Ausstellung folgt das Zeitalter des großen Exhibitionismus.

Die „einfache Architektur“ von heute ist das Internet, dieses sich immer weiter ausdehnende globale Netzwerk von Netzwerken aus Personal Computern, die drahtlose Welt der mobilen Geräte und anderer „smarter“ sozialer Medien, wie vernetzter Fernseher und Spielkonsolen, in der sich über ein Viertel der Erdbevölkerung bereits niedergelassen hat. Mit seinen zwei Milliarden digital vernetzten Seelen und fünf Milliarden vernetzten Geräten kann das Netzwerk eine unendliche Anzahl von Räumen bereitstellen. Dies ist ein globales Gebäude, in dem wir – über zwei Jahrhunderte nach Benthams Skizze – in jedem Augenblick überwacht werden können.

Diese digitale Welt – für Clay Shirky von der New York University das „Bindegewebe der Gesellschaft“ und für Hillary Clinton, die ehemalige Außenministerin der USA, das neue „Nervensystem des Planeten“ – wurde konzipiert, um uns für immer in unseren netzgewirkten Glaspalästen auszustellen. Und heute, in einem Zeitalter transparenter Online-Communitys wie Eric Schmidts Google+ und Mark Zuckerbergs Facebook, ist das Soziale, in Shirkys Worten, die „Standardeinstellung“ im Internet geworden. Dadurch transformiert es digitale Technologie von einem Tool unserer „Second Lifes“ in einen zentralen Bestandteil unseres wirklichen Lebens.

Aber die Choreografie dieses wirklichen Lebens könnte auch von Bentham stammen. Wie Shirky bemerkt, machen populäre Ortungsdienste wie Foursquare, Highlight und das von Facebook übernommene Glancee, die uns erlauben, „effektiv durch Wände zu sehen“ und den genauen Aufenthaltsort unserer Freunde zu kennen, die Gesellschaft „lesbarer“; und sie eröffnen die Möglichkeit, dass wir gelesen werden „wie ein Buch“. Kein Wunder, dass Jeff Jarvis, einer der führenden Apostel der „Publicness“, uns verspricht, dass wir durch Social Media alle unsterblich werden. Kein Wunder auch, dass die amerikanische Journalistin Katie Roiphe in Facebook „den Roman“ sieht, „an dem wir alle schreiben“. Wir werden zu WikiLeakern unseres eigenen Lebens. Es ist zu einer massiven Zunahme dessen gekommen, was Shirky „selbst produzierte“ Lesbarkeit nennt. Diese zeitgenössische Manie der Selbstdarstellung, mit Tweets, „Anstupsern“ und Status-Updates, ist das, was zwei führende amerikanische Psychologen, Jean Twenge und Keith Campbell, als „narzisstische Epidemie“ beschrieben haben – eine verrückte Werbung in eigener Sache, angetrieben, wie sie sagen, von unserem Bedürfnis, der ganzen Welt unsere Einzigartigkeit mitzuteilen.

Während Social Media – trotz all der übermenschlichen Fähigkeiten, wie etwa durch Wände sehen zu können – die Unsterblichkeit vielleicht doch nicht ganz garantieren können, sind ihre Auswirkungen gewiss von immenser historischer Bedeutung, durchaus vergleichbar mit der frühen industriellen Revolution. Nach den Worten des Venture-Capital-Anlegers John Doerr, Partner in der Blue-Chip-Firma Kleiner Perkins Caufield & Byers, stellen Social Media „die dritte große Welle“ der technologischen Innovation dar, nach der Erfindung des Personal Computers und des Internets.

Das Vertrauen, das Doerr in diese soziale Revolution setzt, ist so groß, dass Kleiner Perkins Caufield & Byers in Partnerschaft mit Facebook eine Viertelmilliarde Dollar in einen Investmentfonds namens „sFund“ gesteckt hat, der in Unternehmen im Bereich Social Media investieren soll. Und Doerr steht mit seinem finanziellen Engagement nicht allein da. Auch viele andere Silicon-Valley-Investoren setzen auf Social Media, zum Beispiel der Mitgründer von Netscape, Marc Andreessen, dessen Fonds „Andreessen Horowitz“ in den letzten drei Jahren 2,7 Milliarden Dollar aufgebracht hat.

Ging es bei den Innovationen im Internet früher um die Verteilung von Daten, konzentrieren sie sich neuerdings zunehmend auf soziale Produkte, Dienstleistungen und Plattformen. Googles datengetriebene Ökonomie der „Links“ wird ersetzt durch Facebooks von Menschen angeklickte „Likes“. Die Integration unserer persönlichen Daten – unseres „Social Graph“ – in den Online-Content wird zum Antrieb der Innovation im Internet.

Die digitale Vernetzung der Welt ist so unerbittlich wie unvermeidlich. Die Zahlen sind erstaunlich. Facebook mit über einer Milliarde Mitgliedern, darunter 604 Millionen auf mobilen Geräten, ist natürlich führend. Aber Twitter mit seinen 500 Millionen Nutzern und Google+ mit 400 Millionen Nutzern liegen nicht weit zurück. Ob es uns gefällt oder nicht, das von Tapscott und Williams vorausgesagte „Zeitalter der Netzwerkintelligenz“ steht unmittelbar bevor – die einzige Frage ist die, wie intelligent wir wirklich alle sein werden in dieser schönen neuen sozialen Welt.

Und ich fürchte, dass all dies erst der Anfang der Social-Media-Revolution ist. Hans Vestberg, CEO bei Ericsson, hat vorausgesagt, dass es bis 2020 etwa 50 Milliarden sozial vernetzte Geräte geben wird, die das Netzwerk immer aufdringlicher und sichtbarer machen werden. In der Zwischenzeit hat Mark Zuckerberg, der lächelnde Utilitarist im Herzen der sozialen Finsternis, sogar sein eigenes Gesetz formuliert, um die Zukunft der Falle, die er für uns alle auslegt, auszumalen: „Ich erwarte, dass die Menschen im nächsten Jahr doppelt so viele Informationen teilen werden wie dieses Jahr, und im Jahr darauf werden sie doppelt so viel teilen wie zuvor“, so lautet Zuckerbergs Gesetz.

Zuckerbergs Ideen des „Teilens“ könnten von Franz Kafka stammen. Genau wie Josef K. all seine bekannten und unbekannten Informationen mit den Autoritäten geteilt hat, so teilen wir alle jetzt unsere intimsten spirituellen, wirtschaftlichen und medizinischen Informationen mit all den unzähligen „kostenlosen“ Social-Media-Diensten, -Produkten und -Plattformen. Und da das vorherrschende Geschäftsmodell der gesamten Social-Media-Wirtschaft das Werbegeschäft ist, werden all diese Daten unvermeidlich in den Händen unserer werbenden „Freunde“, den großen Unternehmen, landen.
Das ist der Grund, warum Facebook, eine kaum profitable New-Media-Firma mit wenig eigener proprietärer Technologie, jetzt vom Aktienmarkt mit rund 70 Milliarden Dollar bewertet wird. Zuckerberg denkt Benthams Ideen ultimativ zu Ende, und das Ergebnis ist ein Panopticon, in dem Privatheit wie ein historisches Artefakt erscheint. Facebook hat sogar die Unverfrorenheit, in guter Bentham’scher Tradition einen „Bruttoglücksindex“ zu entwickeln, der angeblich die globale Stimmung quantifizieren und so letztlich zu einer Facebook-eigenen Funktion machen soll, um auf diese Weise das soziale Netzwerk in eine Zentralbank unserer neuen öffentlichen sozioinformationellen Wirtschaft zu verwandeln.

„Das digitale soziale Netzwerk von heute ist eine Falle. Der heutige Kult des Sozialen, verbreitet von einer unheiligen Allianz von Silicon-Valley-Unternehmern und kommunitaristischen Idealisten, wurzelt in einem falschen Verständnis des Menschen."

Die Wahrheit ist, dass wir von Natur aus keine sozialen Wesen sind. Stattdessen, wie uns Vermeer mit seiner Briefleserin in Blau in Erinnerung ruft, liegt das menschliche Glück wirklich darin, in Ruhe gelassen zu werden. Über die Freiheit,  der Essay von Benthams Patensohn und früherem Gefolgsmann John Stuart Mill aus dem Jahre 1859, bleibt eine klassische Verteidigung individueller Rechte im Zeitalter des industriellen Netzwerks und seiner Tyrannei der Mehrheit. Heute, da wir uns bemühen, die Auswirkungen der Internetrevolution zu begreifen, brauchen wir ein entsprechendes Werk Über digitale Freiheit, um das Recht auf Privatheit im Zeitalter von Social Media zu schützen.

Digitale Utopisten glauben, dass das Zeitalter vernetzter Intelligenz eine ähnliche Bedeutung haben wird wie die Renaissance.

Aber was, wenn sie Unrecht haben? Was, wenn die „soziale“ Revolution von heute, wegen ihrer Missachtung des Rechts auf individuelle Privatheit und ihres Kults radikaler Transparenz, in ein neues dunkles Mittelalter führt? Und was, wenn alles, was von individueller Privatheit am Ende des 21. Jahrhunderts übrigbleibt, in Museen steht, zusammen mit Vermeers Briefleserin in Blau? Was dann?

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