Blockchain – Technologie mit Potenzial

Blockchain-smartcontracs
Dr. Manfred Paeschke

Revolutioniert Blockchain die Wirtschaft? Es gilt, frühzeitig die Möglichkeiten von intelligenten Verträgen, sogenannten Smart Contracts, auszuloten.

Blockchain: Ein universelles Logbuch revolutioniert die Wirtschaft

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein mittelständischer Anbieter von Spezialwerkzeugen und haben mit einem internationalen Industriekonzern einen Rahmenvertrag geschlossen. Ihr Kunde kann die Ware nach Bedarf und schrittweise abrufen. Sie müssen bisher für jeden Abruf eine Rechnung erstellen und Ihrem Kunden senden. Die Produktionsabteilung und die Buchhaltung des Industrieunternehmens prüfen Ihre Rechnung und sorgen dafür, dass innerhalb des Zahlungsziels beglichen wird. Das kann einige Wochen dauern.

Würden Sie einen sogenannten Smart Contract, also einen intelligenten Vertrag, auf Basis der Blockchain-Technologie mit Ihrem Kunden abschließen, könnte dieser Prozess automatisch und sehr viel schneller ablaufen. Sie müssten den Kunden noch nicht einmal persönlich kennen. In einer Art universellem Logbuch wären die Bedingungen Ihres Vertrags erfasst, inklusive der Produktpalette, aus der Ihr Kunde wählen kann, der Lieferfristen und Preise – auch die Identitäten aller beteiligten Partner sind hinterlegt. Sobald Ihr Kunde einen Artikel abgerufen hat und die Lieferung eingetroffen und geprüft worden ist, erfolgt die Bezahlung, ohne aufwändige Prozesse in der Buchhaltung. Es sind keine komplexen, mehrstufigen oder händischen Freigabeschritte notwendig. Auch Vermittler wie Banken oder Anwälte werden dann nicht mehr gebraucht.

Blockchain-Smart Contracts

So funktioniert die Blockchain

Eine Blockchain ist ein dezentralisiertes Register – auch „Distributed Ledger“ genannt. Es besteht aus einer Kette von Transaktionsblöcken, die jede Art von Informationen, z. B. Texte, Bilder, Filme und auch Verträge, repräsentieren können. Diese Informationen sind kryptografisch gesichert. Sie sind nicht an einem Ort auf einem Server oder in einer Cloud hinterlegt, sondern auf allen Computern des Netzwerks verteilt. Das Datenbanksystem kann öffentlich (Public Blockchain) oder einer definierten Gruppe (Private Blockchain) zugänglich sein, auch eine Kombination aus beidem ist möglich. Jeder berechtigte Nutzer kann sie einsehen, prüfen und bestätigen. Wird dem Datensatz eine Information hinzugefügt, so erhält die Kette ein weiteres Glied – einen neuen Block.

Die Daten sind nicht an einem Ort auf einem Server oder in einer Cloud hinterlegt, sondern auf allen Computern des Netzwerks verteilt.

Ursprünglich wurde die Technologie entwickelt, um Finanztransaktionen mit der Kryptowährung Bitcoin zu ermöglichen. Satoshi Nakamoto veröffentlichte 2008 das Whitepaper „Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System“ und machte die Blockchain als Open-Source-Anwendung der Netzgemeinschaft zugänglich. Er war nicht der Erste, der sich mit Kryptowährung beschäftigt hat. Doch ihm ist es gelungen, ein offenes System zu schaffen, das ohne zentrale Kontrollinstanz auskommt. Im Januar 2009 wurde Bitcoin als virtuelle Währung gegründet, bald darauf folgten die ersten Bitcoin-Börsen, an denen Bitcoins transferiert und in reale Währung umgetauscht werden. Seitdem zeigt die Technologie in verschiedenen Anwendungsszenarien, was sie leisten kann.

Vorteile und Anwendungen

In der Tech-Community ist ein regelrechter Hype um Blockchain ausgebrochen. Die Eigenschaften des dezentralen Registers machen das System besonders stabil: Die Datensätze sind fälschungssicher und gegen Cyber-Angriffe  und Ausfälle geschützt, so heißt es. Eine Person allein kann die Informationen nicht manipulieren, da Kopien der Blockchain auf allen Rechnern im System abgelegt sind und alle Änderungen durch das gesamte Netzwerk verifiziert werden. Jeder kann mit jedem (Peer-to-Peer) Verträge abschließen und Transaktionen durchführen, ohne den Vertragspartner persönlich zu kennen. Das universelle Register bestätigt die Identitäten, den Ablauf und die Korrektheit der Angaben. Prozesse laufen schneller und automatisiert ab. Zugleich sinken die Kosten, da die zentralen Kontrollinstanzen überflüssig werden.

Prozesse laufen schneller und automatisiert ab.

Die Vorteile der Blockchain können sowohl öffentliche Einrichtungen wie Bürgerämter und Behörden als auch Privatunternehmen nutzen. Der schwedische Staat testet die Technologie beispielsweise im Grundbuchamt. Zunächst werden Grundbucheinträge in der Blockchain vorgenommen, später sollen auch Immobilienverkäufe über das dezentrale Datensystem möglich sein. Nahezu alle Banken experimentieren mit Blockchain: Am bekanntesten ist das Konsortium R3, dem mittlerweile mehr als 40 Mitglieder angehören, unter anderem die Deutsche Bank, J. P. Morgan und UBS. Die großen Software-Unternehmen wie IBM und Microsoft arbeiten an Lösungen für ihre Kunden.

Der Versicherer Allianz Risk Transfer hat ein Pilotprojekt gestartet, in dem die Risiken von Naturkatastrophen über Smart Contracts abgesichert werden. Der RWE Innovation Hub hat Blockcharge entwickelt, ein Konzept, das der Elektromobilität einen Schub geben soll. Es ermöglicht auf Basis von intelligenten Steckdosen, einer App und der Blockchain-Technologie das Bezahlen an Ladestationen ganz verschiedener Stromlieferanten – spontan und ohne feste Bindung an Kreditkarten- und Energieanbieter.

 

Schwächen und Gefahren der Blockchain

Einen Dämpfer bekam die Blockchain-Euphorie, als es im Juni 2016 einem Hacker gelang, das auf Smart Contracts und Abstimmungssystemen basierende Konstrukt DAO (Decentralized Autonomous Organization) um ca. 56 Millionen US-Dollar „virtuell zu berauben“. Der vermutliche Angreifer habe einen Fehler im Protokoll ausgenutzt, um diese Transaktion durchzuführen. Ob es tatsächlich ein Raub oder nur eine unerwartete Umbuchung war, ist unter Fachleuten umstritten. Der mögliche Angriff zeigt jedoch, dass gerade die Konsensverfahren in der Blockchain einer stärkeren Evaluierung und Weiterentwicklung bedürfen. Es heißt, für eine Manipulation der Blockchain müsste ein Krimineller 51 Prozent der Computer im Netzwerk kontrollieren (51-Prozent-Attacke), ohne dass ein Glied der Blockchain diesen Übergriff bemerkt. Fraglich ist aktuell außerdem die rechtliche Grundlage der intelligenten Verträge. Ob und inwieweit Smart Contracts mit dem bestehenden Rechtssystem vereinbar sind, ist unklar.  

 

Fraglich ist aktuell außerdem die rechtliche Grundlage der intelligenten Verträge.

Eine zu nennende Schwachstelle der Bitcoin-Anwendung ist die Bearbeitungsgeschwindigkeit. Das System braucht zwischen 10 und 30 Minuten, bis alle Teilnehmer einen neuen Block bestätigen. Der Durchsatz beträgt zurzeit sieben Transaktionen pro Sekunde. Das ist viel weniger, als andere Zahlungssysteme erreichen. Außerdem sind die Transaktionskosten derzeit zwar gering (0,05 bis 0,08  Euro), aber an die Entwicklung des Bitcoin-Umtauschkurses gebunden. Andere Verfahren wie Smart Contracts basieren auf der Ethereum-Blockchain-Technologie und weisen eine deutlich höhere Bearbeitungsgeschwindigkeit auf.

Trotz der genannten Kinderkrankheiten birgt die Blockchain Technologie Potenziale für Wirtschaft und Gesellschaft: Sie kann Geschäfts- und Verwaltungsprozesse grundlegend vereinfachen. Technologiekonzerne und Investoren setzen weltweit auf den Siegeszug des dezentralisierten Registers. Zugleich unterstützt die Blockchain-Philosophie Konzepte von sich selbst organisierenden Unternehmen, in denen es keine Chefs und keine Hierarchien gibt. Das System trifft auf Basis des definierten Geschäftszwecks unvoreingenommen Entscheidungen. Die Macht von Mittlern wie Banken und Notaren wird in Frage gestellt. Deshalb behält auch die Bundesdruckerei als Anbieter von IT-Sicherheitslösungen die Technologie im Blick. Das Unternehmen prüft gemeinsam mit seinen Partnern Chancen sowie Risiken und erprobt die Technologie anhand von Prototypen.

 

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