Juniorprofessor Florian Tschorsch über das Tor-Netzwerk, Blockchain und Fake News

Headerbild Professor Tschorsch

Er hat die erste der 50 Professuren am Berliner Einstein Center Digital Future (ECDF) besetzt: Florian Tschorsch. Sie wird von der Bundesdruckerei finanziert und widmet sich dem Thema „Distributed Security Infrastructures“. Warum die Bewerbung um die Professur für ihn ein logischer Schritt war und welche Ziele er mit ihr verfolgt, erklärt uns der Juniorprofessor im Interview.

Herr Professor Dr. Tschorsch, warum haben Sie sich um die Juniorprofessur für das ECDF beworben?

Florian Tschorsch: Inhaltlich beschäftigt sich die Professur 1:1 mit den Themen, mit denen ich mich auch schon bisher auseinandergesetzt habe. Ich habe mich in der Ausschreibung sofort wiedergefunden. Deshalb war es für mich ein logischer Schritt, mich zu bewerben und er ist mir sehr leicht gefallen.

Professor Florian Tschorsch

Florian Tschorsch, Juniorprofessor ECDF Berlin

Mit welchen Themen haben Sie sich denn bislang beschäftigt?

Ich habe Informatik studiert und mich hauptsächlich mit verteilten Netzen und Datenschutz auseinandergesetzt. Das Internet ist beispielsweise solch ein verteiltes System. Ich stelle mir die Frage, wie man im Netz kommunizieren kann, ohne seine Identität preisgeben zu müssen. Das Spannungsfeld von Sicherheit, Privatsphäre und Performance ist für mich hochinteressant. Diese drei Themen interagieren miteinander und es braucht für die Zukunft kreative Lösungen.

Aus der Forschungsperspektive ist dieser Dreiklang ja auch noch recht neu, oder?

Noch während meines Studiums war der Datenschutz im Internet ein nebulöses Thema. Zu Beginn meiner Promotion hatte ich Mühe zu argumentieren, warum der Datenschutz im Netz für unsere Gesellschaft wichtig ist. Damals hörte ich öfter, dass doch nur Kriminelle anonym bleiben wollen. Das wurde zum Glück heute invalidiert; es hat sich ein Bewusstsein für Datenschutz entwickelt. Im letzten Drittel meiner Promotion tauchte Edward Snowden auf und machte auf die massenhafte Überwachung im Internet aufmerksam. Danach war es viel leichter zu argumentieren, warum wir Systeme wie das Tor-Netzwerk brauchen.

Zu der Erkenntnis gehörte Weitsicht – sind Sie ein digitaler Avantgardist?

Nein, so würde ich mich nicht bezeichnen, sondern eher als „Tor- und Bitcoin-Enthusiasten“. Ich habe im Studium den Spagat versucht zwischen Netzwerkthemen und Sicherheit. Dazu habe ich mit Medien- und Kulturwissenschaften ein eher untypisches Nebenfach belegt. Das ermöglichte mir, über den Tellerrand hinauszugucken und Einflüsse anderer wissenschaftlicher Disziplinen aufzugreifen. Bei einer Vorlesung stolperte ich dann über das Tor-Netzwerk. Die Idee hat mich sofort gepackt, denn sie ist eine Lösung für unser Problem.

Jetzt lehren Sie zu diesem Thema. Wie genau?

Meine Professur ist für sechs Jahre an der TU angesiedelt. Aktuell gibt es noch keinen Alltag für mich – jeder Tag ist anders. Super spannend sind die vielen Gespräche, die ich derzeit führe. Ab dem Wintersemester kommt eine Lehrverpflichtung dazu. Ich biete eine Vorlesung als integrierte Veranstaltung mit Übungen für Masterstudenten an. Wir beschäftigen uns dann zwei Mal wöchentlich mit der Netzwerksicherheit. Hinzu kommt ein wöchentliches Seminar zu Anonymität und Privatsphäre im Internet. Ich habe es als eine Art „Reading Club“ konzipiert, in dem wir spannende wissenschaftliche Arbeiten zum Thema lesen und besprechen. Das kommt in der Informatik oft zu kurz. Mein Ziel ist, mit den Studierenden neue Gedanken zu entwickeln und neue Perspektiven sowohl zu geben als auch selbst zu erhalten. Ich möchte dafür sensibilisieren, dass Sicherheit und Privatsphäre bei Neuentwicklungen immer von Anfang an mitgedacht und eingebaut werden. 
 

Bei der Blockchain-Technologie ist keine starke Identität nötig. Ich finde das revolutionär.
Florian Tschorsch, Juniorprofessor ECDF Berlin

Ein Teil Ihrer Arbeit besteht auch darin zu forschen. Woran? 

Anonymität und Privatsphäre im Netz ist ein unglaublich wichtiges Thema. Ein weiteres Feld ist die Blockchain, die die grundlegende Technologie für Kryptowährungen wie Bitcoin ist. Sie bedeutet für die Informatik eine gewisse Revolution – die letzten 30 bis 40 Jahre haben wir gedacht, dass man so etwas in der Praxis nicht bauen kann. Rechner weltweit kommen zusammen und stimmen sich ab, ohne dass eine zentrale Instanz dies koordiniert oder eine starke Identität notwendig ist. Ich finde das revolutionär. Die Annahmen von früher sind theoretisch korrekt, sind aber für die heutige Internetkommunikation oft zu streng. Das gesamte Potenzial dieser Technologie können wir sicher noch nicht erfassen. Mein Ziel ist, das System stärker zu machen und genauer kennenzulernen.

Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit der Bundesdruckerei aus?

Ich betreue zwei studentische Projekte, die von Mitarbeitern der Bundesdruckerei fachlich begleitet werden. Zum einen geht es darum, die Blockchain-Technologie dafür zu nutzen, Fake News leichter erkennen zu können, indem wir die Quellen von authentischen Nachrichten nachvollziehbar machen. Das zweite Projekt dreht sich darum, eine Schwäche der Blockchain-Technologie auszumerzen: Die Blockchain ist eine Kette, an die immer ein Block hinzugefügt werden kann. Das funktioniert gut in einem kleinen Umfeld, stößt aber an Grenzen, wenn beispielsweise im „Internet of Things“ Milliarden Geräte vernetzt werden sollen. Wir arbeiten experimentell daran, Blockchain nicht als Kette zu denken, sondern als Netzwerk, das an mehreren Stellen erweitert werden kann. Dadurch wird das System agiler.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Tschorsch.
 

Weitere Informationen

Florian Tschorsch (31) ist seit April 2017 Juniorprofessor für das Fachgebiet „Distributed Security Infrastructures“ an der Technischen Universität Berlin und dem Einstein Center Digital Future (ECDF). Tschorsch hat Informatik in Düsseldorf studiert. Während seines Masterstudiums erhielt er das NRW-Stipendium, das zur Förderung von wissenschaftlichem Nachwuchs vergeben wird. Nach dem Studium arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten in Düsseldorf, Würzburg, Bonn und Berlin. Im Juni 2016 hat er an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Seine Forschungsarbeit wurde mehrfach ausgezeichnet. Das Paper - The Sniper Attack: Anonymously Deanonymizing and Disabling the Tor Network - wurde vom U.S. Naval Research Laboratory mit dem „Alan Berman Research Publication Award“ gewürdigt. Seine Dissertation wurde unter anderem von der Gesellschaft für Datenschutz und Datensicherheit (GDD) und von der Fachgruppe „Kommunikation und Verteilte Systeme“ (KuVS) der Gesellschaft für Informatik (GI) ausgezeichnet.

Das Einstein Center Digital Future (ECDF) in Berlin wurde im April 2017 eröffnet und bündelt die Spitzenforschung sämtlicher Berliner Hochschulen. Das ambitionierte Ziel des ECDF: Es soll Berlin zum weltweiten Zentrum der Digitalisierung machen. Das ECDF, mit Sitz im Robert-Koch-Forum in Berlin-Mitte, wurde mit vorerst 50 Professorenstellen ausgestattet, die meisten davon Juniorprofessuren. Bis zum Jahr 2023 fließen 38 Millionen Euro von Wissenschaft, öffentlicher Hand und Wirtschaft in interdisziplinäre Forschungsvorhaben in den Bereichen Infrastruktur, Gesundheit, Bildung und Technik.

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