30 Jahre Mauerfall – vor den Toren der Bundesdruckerei

Anlässlich des 30-jährigen Mauerfall Jubiläums lud die Bundesdruckerei gemeinsam mit der Wochenzeitung DIE ZEIT zum „ZEIT Hauptstadtgespräch“ ein. Zeitzeugen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft erinnerten sich an diesen historischen Moment.

Erinnerungen an den historischen Moment des Mauerfalls

Die Geschichte der Bundesdruckerei ist eng mit der Geschichte Deutschlands verbunden. Im November 1989 fiel die Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten. Dieses bedeutende historische Ereignis wirkte sich sowohl auf die Menschen aus, die bei der Bundesdruckerei beschäftigt sind und waren, als auch auf den Produktionsbetrieb. Anlass genug, um am 13. November 2019 gemeinsam mit der Tochtergesellschaft des Zeitverlags, Convent, und in Kooperation mit dem rbb zum „ZEIT Hauptstadtgespräch“ mit Zeitzeugen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft in die Bundesdruckerei einzuladen.

Der Fall der Mauer ist der prägendste Moment in der jüngeren deutschen Geschichte. Um das 30-jährige Jubiläum zu feiern, lud die Bundesdruckerei gemeinsam mit der Wochenzeitung DIE ZEIT am Mittwoch, den 13. November 2019, zum „ZEIT Hauptstadtgespräch“ in das Foyer des Unternehmens ein.

Dr. Stefan Hofschen, Geschäftsführer der Bundesdruckerei, begrüßte die 130 Gäste und erzählte von zwei bewegenden Momenten für die Belegschaft. Als die Mauer errichtet wurde, konnten 81 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bundesdruckerei nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. „Es waren nur 81, da die Bundesdruckerei in den Jahren davor 450 Grenzgänger umgesiedelt hatte, um sich auf den Ernstfall vorzubereiten“, sagte Hofschen.

© Foto: Phil Dera für DIE ZEIT

Dr. Stefan Hofschen, Geschäftsführer der Bundesdruckerei, eröffnet das „ZEIT Hauptstadtgespräch“. © Foto: Phil Dera für DIE ZEIT

Drei Jahrzehnte hatte das Unternehmen die Mauer direkt vor der Tür: Sie verlief entlang der Kommandantenstraße, deshalb befand sich das Haupttor der Bundesdruckerei seinerzeit an der Oranienstraße. Nach der friedlichen Revolution der DDR-Bürger, die den Fall der Mauer herbeiführte, wurden Familien wieder vereint. Die Bundesdruckerei musste für 16 Millionen Menschen neue Ausweise produzieren. Es wurden auch mehr Banknoten und Briefmarken benötigt. 1990 stellte die Bundesdruckerei 700 neue Kolleginnen und Kollegen ein, um das Auftragsvolumen bewältigen zu können. Mit fast 16 Millionen Ausweisdokumenten im Jahr 1991 lief die Produktion auf Hochtouren. So viele Dokumente wurden weder jemals zuvor noch danach produziert.

Das Moderatoren-Team Mark Brost und Caterina Lobenstein führte die Gespräche mit den Referenten Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident a. D., Marion Barsch, Autorin und Hörfunkjournalistin, Robin Lautenbach, ehemaliger Korrespondent im ARD Hauptstadtstudio, Marieke Reimann, Chefredakteurin von ze.tt und Dr. Johannes Ludewig, Staatssekretär a. D. und Vorsitzender des Nationalen Normenkontrollrates (NKR) im Bundeskanzleramt. Die Referenten sprachen über ihre persönlichen Erlebnisse, aber auch über die bis heute verbleibenden Mauern in den Köpfen der Menschen im Westen und Osten der Republik.

Marion Barsch, Autorin, Hörfunkjournalistin und Tochter eines hochrangingen SED-Parteifunktionärs, beschreibt ihre Kindheit als glücklich. Sie war die Schwester dreier gegen ihren Vater rebellierenden Brüder. „Ich selbst habe als Familienmitglied funktioniert, bin sogar in die Partei eingetreten.“ Am 31. Oktober 1989 hatte sie ein Monatsvisum bekommen, um in den Westen einreisen zu dürfen. Davon machte sie bis zum 8. November Gebrauch. „Als dann plötzlich alle ausreisen konnten, war ich fast ein bisschen beleidigt. Ich ging aus Trotz in den nächsten Wochen nicht über die Grenze. Anfangs sah ich im Fall der Mauer fast eine vertane Chance der DDR, eine neue Gesellschaftsform zu schaffen“, erinnert sich Barsch.

© Foto: Phil Dera für DIE ZEIT

Anlässlich des 30-jährigen Mauerfall Jubiläums lud die Bundesdruckerei gemeinsam mit der Wochenzeitung DIE ZEIT zum „ZEIT Hauptstadtgespräch“ ein. © Foto: Phil Dera für DIE ZEIT

Erfolg einer Bürgerrechtsbewegung

Wolfgang Thierse, ehemaliger Präsident des Deutschen Bundestages, erinnert sich, dass es vielen Bürgerrechtlern zunächst nicht darum gegangen sei, die DDR abzuschaffen: „Viele von uns wollten eine andere DDR mit Grundrechten: Meinungs-, Presse- und Reisefreiheit. Wir wollten ein offenes Land mit freien Menschen. Als dann die Mauer fiel, waren wir uns nicht alle einig, wie es weitergehen soll.“ Dann habe auch er festgestellt, dass es das, was die Bürgerrechtler wollten, nebenan in der Bundesrepublik gab. „Wozu also ein zweiter deutscher Staat? Ich bin dann in die SPD eingetreten und wollte auch vieles in der Partei reformieren. Schnell habe ich gemerkt, dass die Westdeutschen eigentlich gar nichts ändern wollten. Warum auch? Aus ihrer Perspektive funktionierte ja alles gut“, so Thierse.

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Moderator Mark Brost (rechts) im Gespräch mit Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident a. D. (Mitte) und Marion Barsch, Autorin und Hörfunkjournalistin (links). © Foto: Phil Dera für DIE ZEIT

Mehr ostdeutsche Perspektiven – auch im Journalismus

Marieke Reimann, die Chefredakteurin von ze.tt dem Millennial Magazin der Zeit, will generell mehr Diversität auch auf Seiten der Medienschaffenden. „Ostdeutschland spielt in den Medien vor allem kurz vor Wahlen eine Rolle, sonst findet es fast nicht statt. Und der Ostdeutsche kommt meist nur als Stereotyp vor, belegt mit negativen Eigenschaften. Das muss sich ändern.“ Deswegen achtet sie bei der Besetzung ihres Teams darauf, Menschen aus den verschiedenen Teilen der Republik dabei zu haben – ebenso wie Migrantinnen und Migranten oder Kolleginnen oder Kollegen ohne Hochschulabschluss. „Ob ich eine Geschichte überhaupt sehe, wenn sie vor mir liegt, hat auch mit meiner Sozialisation zu tun. Deshalb muss Journalismus unbedingt die Vielfalt in der Gesellschaft abbilden.“

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Marieke Reimann, Chefredakteurin von ze.tt, spricht über ostdeutsche Perspektiven im Journalismus. © Foto: Phil Dera für DIE ZEIT

Jeder Deutsche hat seine ganz persönlichen Erinnerungen an den 9. November 1989. Zurückdenken, in Erinnerungen schwelgen, sich austauschen – der Abend lud dazu ein, ein Stück deutscher Geschichte erlebbar zu machen. Im Anschluss an die Talkrunden diskutierten die Gäste bei Speisen und Getränken angeregt weiter. Dr. Stefan Hofschen resümiert: „Es war uns eine große Freude, als Unternehmen, das so stark mit der Geschichte der Stadt und ihrer Einwohner verbunden ist, eine Plattform für den Dialog zu bieten. Das Konzept ist aufgegangen. Ich danke dem gesamten Organisationsteam und unseren Partnern und freue mich auf das nächste Event in diesem Format.“

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ZEIT Hauptstadtgespräch 30 Jahre Mauerfall

Christian Helfrich, Chief Financial Officer (CFO) der Bundesdruckerei, (Mitte) und Antonia Maas, Leiterin Unternehmenskommunikation der Bundesdruckerei, (rechts) sprechen mit Bundesdruckerei-Mitarbeiterin und Zeitzeugin Olga Kulikovska (links) über ihre Erinnerung an den Mauerfall vor 30 Jahren. © Foto: Phil Dera für DIE ZEIT

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ZEIT Hauptstadtgespräch 30 Jahre Mauerfall

Im Anschluss an die Talkrunden diskutierten die Gäste bei Speisen und Getränken angeregt weiter. © Foto: Phil Dera für DIE ZEIT

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ZEIT Hauptstadtgespräch 30 Jahre Mauerfall

Eine kleine Ausstellung informiert über das Thema „Die Bundesdruckerei und die Berliner Mauer“. © Foto: Phil Dera für DIE ZEIT

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ZEIT Hauptstadtgespräch 30 Jahre Mauerfall

Jeder Deutsche hat seine ganz persönlichen Erinnerungen an den 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls. Gäste tauschen sich über dieses bedeutende historische Ereignis aus. © Foto: Phil Dera für DIE ZEIT

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Lesen Sie auch unseren ausführlichen Artikel „Mauerfall: 30 Jahre Erinnerungen“ mit Gesprächen, Emotionen und Erinnerungen von und mit Zeitzeugen der Bundesdruckerei. Denn wer so nah wie die Mitarbeiter der Bundesdruckerei im Zentrum geschichtlicher Entwicklungen arbeitet, hat etwas zu erzählen.