Vorbild Italien: Erobert die XRechnung den deutschen B2B-Bereich?

Magazinartikel XRechnung B2B

Die elektronische Rechnung kommt mit großen Schritten. Zum Versand des Formats XRechnung verpflichtet sind ab Herbst aber zunächst nur die Dienstleister des Bundes und Bremens. Dabei ist das Potenzial eines einheitlichen digitalen Standards für den B2B-Bereich immens. Wohl auch deshalb hat Italien das elektronische Invoicing zwischen Unternehmen gesetzlich vorgeschrieben.

XRechnung mit enormem Potenzial für den B2B-Sektor

Ab 27. November 2020 werden sich die Papierberge in den Behörden des Bundes Schritt für Schritt lichten. Dann nämlich müssen alle Dienstleister Rechnungen über 1.000 Euro elektronisch versenden. Aber nicht als PDF, das am Ende doch wieder durch den Drucker muss, sondern im XML-Standard XRechnung. Zwar gestaltet sich die Situation auf Länderebene noch uneinheitlich, allerdings hat Deutschland mit seiner ab Herbst geltenden Regelung die entsprechende EU-Richtlinie 2014/55/EU eigentlich übererfüllt. Laut dieser sollten die Mitgliedsstaaten ihre Behörden lediglich befähigen, E‑Rechnungen gemäß Norm EN 16931 verarbeiten zu können.

Als europäischer E-Rechnungs-Pionier wird die Bundesrepublik dennoch nicht in die Geschichte eingehen – zum Beispiel, weil drei skandinavische Länder weitaus früher dran waren – sogar lange vor 2014/55/EU. Und gerade Finnland zeigte jüngst, warum Deutschland – wie fast alle anderen EU-Mitgliedsstaaten – noch am Anfang eines Wandels im Rechnungsverkehr steht. Denn seit April kann ganz im Norden der EU selbst die Privatwirtschaft auf dem Erhalt elektronischer Rechnungen bestehen. Und damit steht Finnland noch nicht einmal an der Spitze der Revolution: Seit Beginn des Jahrs 2019 schreibt Italien als erstes europäisches Land das E-Invoicing zwischen Privatunternehmen explizit vor. Alle Unternehmen tauschen ihre XML-Dokumente über die Plattform Sdl aus. Das legt die Frage nahe, ob dieses Konzept den Weg über den Brenner finden und auch für Deutschland eine Option werden kann.

Die Chancen stehen aus mehreren Gründen gut. Zunächst einmal ist in der Privatwirtschaft die Liste derer, die für den Bund arbeiten, extrem lang. Automobilkonzerne, IT-Dienstleister, Consulting-Firmen, Kommunikationsagenturen oder Caterer – es gibt eine Menge Unternehmen, die nicht um die XRechnung herumkommen werden, ganz gleich was die Bundesländer machen. Und selbst wenn der Prozess aktuell noch stockt: Dass sich die Liste der XRechnungs-Nutzer um die Dienstleister von Ländern und Kommunen erweitern wird, ist wahrscheinlich. Die Schlussfolgerung: Wenn viele Unternehmen ohnehin das elektronische Invoicing nutzen müssen, warum sollen sie es nicht direkt für ihren gesamten Zahlungsverkehr implementieren? 

Kosteneinsparungen, Flexibilität und Internationalisierung als starke Argumente

Zumal standardisierte XML-Formate sowie E-Rechnungs-Plattformen wie die OZG-RE finanzielle Vorteile bringen können. Dänemark gab an, dass seine Volkswirtschaft durch das so früh eingeführte E‑Invoicing rund 100 Millionen Euro pro Jahr sparen würde. „The e-invoicing journey 2019-2025“ von Billentis kommt zu dem Schluss, dass eine automatisierte elektronische Rechnungsverarbeitung gegenüber der Verarbeitung von Papierdokumenten in den meisten Fällen Kosteneinsparungen von 60 bis 80 Prozent bedeuten dürfte. Kurz: Das Ausdrucken auch im B2B-Bereich hinter sich zu lassen, lohnt sich.

Erst recht weil Transaktionen durch medienbruchfreie, automatisierte Prozesse deutlich schneller vorankommen. Zudem geben sie Flexibilität, wie es sie in den letzten Monaten erforderte. Die Pandemie ließ viele Unternehmen umdenken. Das Homeoffice gilt nicht länger nur als Extraleistung für die Mitarbeiter, sondern kann das wirtschaftliche Überleben sichern. Bei einer elektronischen Rechnungsstellung müsste nicht einmal mehr die Buchhaltung vor Ort sein.  

In Deutschland hat sich in den vergangenen zwei Jahren schon viel getan: Nutzten 2018 noch 19 Prozent der Unternehmen die E-Rechnung, sind es in diesem Jahr bereits 30 Prozent. Es ist wichtig, dass sich jetzt auch alle anderen Unternehmen mit diesem Thema auseinandersetzen.
Nils Britze, Bereichsleiter Digitale Geschäftsprozesse beim Bitkom

Ein weiterer starker Treiber des B2B-Invoicings könnte die Internationalisierung sein. Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union haben ihre eigenen E-Rechnungs-Plattformen und ihre eigenen XML-Formate. Was in Deutschland die XRechnung, ist in Italien FatturaPA, in Slowenien e-SLOG und in Spanien Facturae. Manche Länder haben sogar mehrere verschiedene XML-Standards. Für Harmonisierung soll die Webservice-Infrastruktur PEPPOL (Pan-European Public Procurement OnLine) sorgen, über die auch die deutsche Plattform OZG-RE Rechnungen empfangen kann. PEPPOL könnte verschiedene E-Procurement-Systeme vernetzen – also grundsätzlich auch die von Unternehmen in verschiedenen Ländern. Interessant insbesondere für die deutsche Privatwirtschaft, deren wichtigste Absatzmärkte in der Europäischen Union liegen – und der an einem unkomplizierten automatisierten Invoicing-Prozess mit ausländischen Partnern gelegen sein dürfte. Und wenn man schon mit europäischen Unternehmen E‑Rechnungen austauscht – warum dieses System nicht auf den heimischen Markt übertragen?

Der Digitalverband Bitkom schaut durchaus optimistisch in die Zukunft, was das digitale B2B-Invoicing angeht. Nils Britze, Bereichsleiter Digitale Geschäftsprozesse, etwa verweist darauf, dass 2020 fast ein Drittel aller Unternehmen die E-Rechnung nutzt. Die restlichen 70 Prozent dürfen ihren Blick gerne über den Brenner schweifen lassen, um sich Inspiration zu holen. 

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