Staat und Bürger: ein offener Brief

Magazinartikel Bürger-Staat
Text Bürger: André Bosse, Text Staat: Peter Gaide

Gerade in Sachen Digitalisierung verläuft die Beziehung zwischen Bürger und Staat nicht immer reibungslos, im Gegenteil. Manchmal gleicht es einer langjährigen Partnerschaft, in der unerfüllte Wünsche und Hoffnungen für Probleme sorgen. Was könnte also besser helfen als ein ehrlicher Brief?

Schatz, wir müssen reden!

Lieber Staat,

ich habe heute Morgen fast zwei Stunden mit dir verbracht. Das wirst du nicht gemerkt haben, aber ich kann es beweisen, denn hier liegt noch meine Wartemarke mit der Nummer B62. Ich musste ins Bürgerbüro meines Stadtbezirks, um einen neuen Reisepass zu beantragen. Als mir der
Wartemarkenapparat das Stückchen Papier ausgab, zeigte die Anzeige in der gut gefüllten Wartehalle
gerade die Nummer B45. Es ging weiter mit den Nummern B46, B47, danach waren erst einmal Wartende an der Reihe, deren Marken mit der Kennung A begannen. Erst nach gut einer halben Stunde ging es in meinem Bereich weiter: B48, B49…

Wenn man sehr lange auf etwas warten muss, dann steigt die Ungeduld. Du, lieber Staat, kennst das
Gefühl – zumindest lese ich das aus deinen Briefen heraus, die du mir zusendest, wenn ich mit meiner
Steuererklärung etwas zu spät dran bin. Aber gut, ich hatte mein Smartphone dabei, und in den knapp
zwei Stunden, die ich in der Wartehalle verbracht habe, konnte ich allerhand digital erledigen. Ich habe
Geschenke für die kommenden Geburtstage bestellt, Rechnungen per Online-Banking bezahlt, ein Dutzend Textnachrichten geschrieben sowie einen Städtetrip für die Familie organisiert – mit Bahnfahrt, Hotel und allem Drum und Dran. Das, lieber Staat, ist meine digitale Lebenswelt. Mit Wartemarkenapparaten hat sie nichts zu tun.

Klar, die Verwaltungsaufgaben, die du für mich erledigst, sind wichtig. Ich verstehe, dass du dabei sehr
sorgsam vorgehst. Aber so sehr ich den Kontakt zu deinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schätze: Fast zwei Stunden darauf zu warten, bis ich an der Reihe bin, um einen neuen Reisepass zu beantragen – das ist zu lang. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Ja, es stimmt, ich hätte einen Termin vereinbaren können, dann wäre ich schneller an der Reihe gewesen. Aber der nächste wäre erst in drei Wochen frei gewesen. 

Und dann bin ich von der Geschäftsreise nach Übersee schon wieder zurück. Was ich mir daher von dir wünsche, wäre ein Portal im Internet, das solche Vorgänge deutlich vereinfacht. Egal, ob ich ein Dokument benötige, Sozialleistungen beantrage, meinen Wohnsitz ummelde oder ein Schlagloch auf der Straße mitteile: Ich möchte das vom Wohnzimmer aus erledigen, entspannt abends auf der Couch – und nicht während der Arbeitszeit mit einer Wartemarke in der Hand. Deine Mitarbeiter sind in der Regel klasse – aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein angenehmer Job ist, täglich mit Menschen zu tun zu haben, die genervt sind, weil sie so lange warten mussten. Eine effiziente und digitale Verwaltung ist daher im Sinne von uns allen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Bürger

 

„Zugegeben, ich hinke da etwas hinterher“

Lieber Bürger,

ich schätze deine Ehrlichkeit und freue mich, dass du mir geschrieben hast, statt deinem Ärger in den
sozialen Medien freien Lauf zu lassen. Du hast natürlich vollkommen Recht: Die digitale Welt lebt von
flexiblen und mobilen Lösungen. Bestimmte Branchen zeigen schon seit Jahren, was in dieser Hinsicht
möglich ist – es gibt tatsächlich kaum noch eine Dienstleistung, die sich nicht bequem von zu Hause aus
erledigen ließe.

Zugegeben, ich als Staat hinke da etwas hinterher. Aber: Ich befinde mich auf dem Weg. Es ist nicht so,
dass ich die Möglichkeiten der Digitalisierung verschlafen und längst den Anschluss verloren hätte. Jedoch
ist der Weg zu der Art von E-Government, die dir vorschwebt, sehr komplex – insbesondere in einem
föderalen, dezentralisierten Staat wie Deutschland. Ich verkaufe als Staat keine Waren, reserviere keine Hotelzimmer und tausche keine persönlichen Nachrichten darüber aus, was es am Abend zu essen geben könnte. Ich sorge mit meiner Verwaltung dafür, dass die fast 83 Millionen Bürgerinnen und Bürger in diesem Land möglichst sicher und reibungslos leben, wohnen und reisen können. Ich organisiere die Steuern, zahle Sozialleistungen aus, behalte den Überblick, wer wo wohnt und welche Autos auf unseren Straßen unterwegs sind. Um diese Aufgaben zu erfüllen, arbeite ich schon heute selbstverständlich digital, fast alle Prozesse laufen in sehr gut funktionierenden und modernen Intranets. Häufig jedoch bekommst du das nicht mit, weil du eben weiterhin in einigen Fällen persönlich aufs Amt musst.

Doch auch das wird sich ändern: Ich arbeite intensiv daran, dass E-Government in naher Zukunft für dich
deutlich häufiger erlebbar wird. Entscheidend ist dabei, dass diese digitalen Plattformen nicht nur effizient, sondern auch sicher sind. Die Gefahren lauern besonders an den Schnittstellen, also dort, wo du mir deine Daten digital zur Verfügung stellst. Mir – und auch meinen befreundeten Staaten in der EU – liegt sehr am Herzen, dass mit deinen Daten kein Missbrauch betrieben wird. Ich arbeite hier an Lösungen, die maximale Sicherheit bieten.

Mein Ziel: Bis 2022 will ich 575 Verwaltungsdienstleistungen digitalisieren. Eine Bitte habe ich dabei auch an dich: Wir stellen immer wieder fest, dass Bürgerinnen und Bürger bereitwillig Online-Unternehmen mit Daten füttern, mir gegenüber aber eine große Skepsis zeigen. Hier bitte ich dich um Vertrauen: E-Government lebt vom Mitmachen!

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Staat
 

Expertentipp: Fünf Faktoren E-Government
Expertentipp: Fünf Faktoren E-Government
E-Government

Fünf Faktoren für ein erfolgreiches E-Government in Deutschland

E-Government

„Geht eine Maschine zum Amt …“

Das ist nicht etwa der Beginn eines Märchens, sondern die digitale Zukunft in Behörden. Und die ist – aller Skepsis zum Trotz – schon weit vorangeschritten, behauptet Jörn von Lucke, Professor für Verwaltungs- und Wirtschaftsinformatik in Friedrichshafen.

E-Government

Wie werden die Deutschen zu digitalen Bürgern?

Der Bedarf an vernetzter Verwaltung ist in Deutschland hoch. Und tatsächlich sollen Behörden hierzulande digitaler werden. Künftig soll ein Bundesportal ihre Angebote online zugänglich machen.