Die digitale Insel - Maltas Erfolgsgeheimnis

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Malta, die kleine Insel im Mittelmeer, ist in Wahrheit ein Riese – nämlich bei der Digitalisierung. Der kleine Inselstaat hat sich bereits mehrfach an der Spitze des „E-Government Benchmark Report“ der EU behauptet – zuletzt 2018. Kein anderer EU-Mitgliedstaat setzt die Anforderungen des digitalen Binnenmarktes derart konsequent um. Ein Lagebericht.

E-Government-Vorreiter statt Steueroase

Malta ist im Umbruch. Der Eintritt in die Europäische Union hat dem kleinen Inselstaat neue Möglichkeiten eröffnet, aber auch altbewährte Strukturen destabilisiert und das politische Feld neu definiert. Wie viele andere Zwergstaaten konnte Malta seine Unabhängigkeit durch taktisches Geschick erlangen und bewahren. Nicht umsonst gehören finanzielle und steuerliche Sonderregelungen zum Standardrepertoire europäischer Mikronationen. Das südlichste EU-Mitglied ist da keine Ausnahme.

Seit einiger Zeit aber hat die maltesische Regierung ein neues Thema für sich entdeckt: die Digitalisierung. Plakativ sichtbar wird dies etwa im kleinen Städtchen Sliema nahe der Hauptstadt Valletta, wo zwischen modernen Glasfassaden und viktorianischen Gemäuern ein Bitcoin-Automat hängt, mit dem man Bares in Kryptowährung eintauschen kann – oder umgekehrt.

Malta kann mehr als nur Bitcoin

Aber Malta kann mehr als nur Bitcoin. Der Staat verfolgt eine ehrgeizige „Digital Malta“-Strategie, die bis Ende 2020 Wirklichkeit werden soll. Über 200 Millionen Euro hat die Regierung zwischen 2014 und 2018 dafür investiert. Ziel der Kampagne ist eine umfassende Digitalisierung der Insel, die nicht nur ultraschnelles Internet und rechtliche Rahmenbedingungen für die neuen Unternehmen oder IT-Experten vor Ort umfasst, sondern auch die Erwartungen aller Beteiligten erfüllen soll – egal ob Unternehmer, Bürger oder Staatsdiener. Das Gesicht der Kampagne ist Wirtschaftsminister Silvio Schembri. Er hofft auf einen wirtschaftlichen Standortvorteil für seine Heimat. Denn von ihrer Position zwischen Europa, Afrika und dem Nahen Osten aus, haben die maltesischen IT-Unternehmer gleich drei riesige Märkte im Blick. Die Digitalisierung Maltas soll ganz neue Perspektiven eröffnen.

Für die Umsetzung und Anwendung der maltesischen E-Government-Strategie sorgt die staatlich betriebene Malta Information Technology Agency, kurz MITA. Die Behörde gleicht einem Maschinenraum, der die Strategien von Politikern wie Schembri oder Premierminister Joseph Muscat antreibt.
 

Wir wollen das soziale und wirtschaftliche Wohlergehen unserer Bürger wie der Unternehmen weiter stärken und die internen Abläufe des öffentlichen Sektors verbessern.
Quelle: Silvio Schembri, maltesischer Minister für Wirtschaft, Investitionen und Kleinunternehmen

Nutznießer soll dabei nicht nur die Wirtschaft sein, sondern auch die Malteser selbst. Auf Malta sind 98 Prozent aller Angebote der Verwaltung online verfügbar – kein anderes europäisches Land ist derart weit. Schlichtes, effizientes Design, mobil optimiert - so präsentiert sich das Bürgerportal, das von der MITA umgesetzt wurde. Eine einzige Webadresse öffnet die Tore zu über 250 Service-Angeboten der Verwaltung, übersichtlich aufgeteilt in zwölf Sektoren. Die klare, farbig gestaltete Nutzeroberfläche samt Suchmaske führt schnell zum gewünschten Ziel, nur wenige Mausklicks sind erforderlich. Selbst mit dem Smartphone können die Einwohner Bürgerdienste über mehr als zwanzig Apps nutzen. Dazu fördert die MITA auch Zukunftstechnologien wie das Internet der Dinge oder Blockchain. Bald soll künstliche Intelligenz die Prozesse der Verwaltung optimieren. Der angebundene Innovation Hub stellt Start-ups regelmäßig Gelder zur Verfügung, mitunter bis zu 300.000 Euro. „Wir wollen das soziale und wirtschaftliche Wohlergehen unserer Bürger wie der Unternehmen weiter stärken und die internen Abläufe des öffentlichen Sektors verbessern“, sagt Minister Schembri.

Welcher öffentliche Sektor auf Malta auch immer digital werden möchte, durchläuft die Schleusen der MITA. Mit Erfolg. Im "E-Government Benchmark"-Report der EU lag Malta 2018 erneut an der Spitze. Der Report untersucht jährlich den aktuellen Stand der digitalen Transformation europäischer öffentlicher Verwaltungen. In allen Bereichen wie Benutzerfreundlichkeit, Transparenz oder Datenschutz ist Malta vorn.

One-Stop-Shops  zur Unterstützung der Bevölkerung

Doch trotz dieser Erfolgsmeldungen scheint es ein Problem zu geben, denn Malta hat mit einem Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zu kämpfen: Die digitalen Bürgerangebote werden nicht ausreichend genutzt, viele Einwohner tätigen ihre Behördengänge lieber auf die traditionelle Art. Nur 24 Prozent erledigen sie vollständig über das Netz, viel zu wenig für die ehrgeizigen Ansprüche der Regierung. Deswegen spielt für sie die Bürgerbildung eine zentrale Rolle für den Erfolg der Digitalisierung. Um das zu erreichen, wurden auf der Insel fünf One-Stop-Shops eingerichtet.

In den Shops sollen Mitarbeiter mit ihren Laptops den Bürgern beim digitalen Behördengang assistieren. In einem der Shops nutzen rund zwanzig bis dreißig größtenteils ältere Bürger täglich das Angebot. Die Zahl steigt in der Regel, wenn neue Dienstleistungen eingeführt werden. Sind die Bürger zufrieden? Ja, die meisten, sagt ein Mitarbeiter. Mit den Erfahrungen aus den Shops sollen die Bürger die Online-Dienste bald selbstständig in Anspruch nehmen.

Maltas Plan kann funktionieren – die Rahmenbedingungen sind gegeben. Wenn das maltesische Konzept aufgeht, findet die digitale Revolution in allen Schichten der Bevölkerung statt.

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