Bei Banknoten entsteht Sicherheit durch Design

Headergrafik Banknote

Die Echtheit von Banknoten muss sich schnell und eindeutig feststellen lassen. Genau darauf achtet Adrian Heuberger, wenn er das Aussehen neuer Scheine konzipiert. Im Interview spricht er darüber, wie neue Banknotendesigns entstehen und wie sie die Identität eines Währungsgebiets prägen. Außerdem erklärt er, welche Scheine er besonders gelungen findet und wohin der internationale Trend in der Gestaltung geht.

Sicherheitsmerkmale bieten nur Sicherheit, wenn die Nutzer sie verstehen

Wie wird man Banknotendesigner? Welche speziellen Kenntnisse, Fähigkeiten und Interessen sind dafür hilfreich und notwendig?

Das sind individuelle Werdegänge, zumindest ist mir keine spezialisierte Ausbildungsstätte bekannt. Was alle Banknotenkonzepter und -designer jedoch verbindet: die Freude, in den Mikrokosmos des Sicherheitsdesigns vorzustoßen, und die Bereitschaft, Ästhetik mit höchsten technischen Anforderungen in Einklang zu bringen. Außerdem muss ich verstehen, dass es für Fälschungssicherheit viel Zeit und etliche Arbeitsschritte braucht.

Was macht eine ansprechende Banknote aus? Welche Botschaften soll sie vermitteln?

Eine Banknote muss zwei Geschichten erzählen: eine individuelle, die sie von den anderen Scheinen unterscheidet, und eine Familiengeschichte, in die sie sich optisch einfügt, wenn man alle Banknoten einer Währung nebeneinanderlegt. Zudem muss das Design formale Kriterien erfüllen, um dem Auge zu schmeicheln: Sind die einzelnen Elemente formschön und mit Liebe zum Detail gezeichnet? Sind die Farben harmonisch? Ist die Komposition der einzelnen Bildelemente mit Bedacht und Sorgfalt gewählt?

Auf welches Banknotendesign sind Sie besonders stolz und warum?

Primär bin ich nicht Designer, sondern Konzepter. Das war auch meine Funktion im Team rund um Manuela Pfrunder in Zürich, das meine „Lieblingsbanknote“ entworfen hat: die 200-Schweizer-Franken-Note. Sie geht der Frage, woher wir kommen, mit großer Konsequenz und Beharrlichkeit nach – weil sie förmlich bis zum Urknall zurückblickt.

Gibt es eine Banknote, die Sie nicht selbst entworfen haben, die Sie für besonders gelungen halten?

Mir gefallen die ehemaligen niederländischen Banknoten aufgrund ihrer sehr grafischen und avantgardistischen Muster. Außerdem mag ich die norwegische Serie: Jede Rückseite stellt eine verpixelte Variante der Vorderseite dar. So entsteht ein stimmiger Dialog zwischen Vorder- und Rückseite.

Wie beginnen Sie Ihre Arbeit an einer Banknote?

Meine ersten Geh- und Tastversuche sind rein ideeller Natur: Ich versuche mich in das kulturelle Gedächtnis eines Lands oder einer Währungsunion hineinzuversetzen, indem ich viel lese. Das gibt mir wichtige Anhaltspunkte für das Selbstverständnis einer Kultur, wirft zugleich immer auch Fragen auf – denn heutzutage ist praktisch jede Kultur pluralistisch und entzieht sich einer homogenisierenden Betrachtungsweise. Gestalterisch und konzeptionell sind genau diese Fragen allerdings besonders interessant. Daher recherchiere ich im nächsten Schritt, wie autochthone – also einheimische – Künstler sie beantworten. Daraus ziehe ich am Ende meine ganz eigene und persönliche Inspiration für die Geschichte, die ich in Bildern zu erzählen versuche. Alles in allem bewege ich mich dabei eigentlich immer in der digitalen und nur selten in der analogen Welt.

Wie lange dauert es von der ersten Idee, bis ein neuer Geldschein tatsächlich im Umlauf ist?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Dieser Prozess hängt von sehr vielen Faktoren ab, weil viele Parteien und Instanzen involviert sind – nicht nur bei der Konzeption und beim Design. Ich habe erlebt, dass er ein halbes Jahr dauert, ich habe aber auch schon erlebt, dass er zehn Jahre dauert. Insbesondere wenn ein Sicherheitsmerkmal das erste Mal angewendet wird, betreibt man nicht selten eine Art technische und gestalterische „Grundlagenforschung“, wobei sich Technik und Gestaltung gegenseitig beeinflussen. So verlangt der Effekt eines neuartigen Sicherheitsmerkmals immer erst nach einer gestalterischen Erprobung. Nur so kann man ihn optimal in Szene setzen, damit die Bevölkerung ihn wahrnehmen und verstehen kann.

Welche Abteilungen innerhalb einer Zentralbank und des Herstellers sind bei der Entwicklung einer Banknote involviert, sind auch weitere Organisationen beteiligt?

Von der Designabteilung bis zur Produktionsabteilung der Druckerei – die Einführung einer neuen Note betrifft alle. Geldautomaten müssen nachgerüstet oder neu konfiguriert werden, administrative Instanzen geben die Banknoten aus und bringen sie in Verkehr. Die Kommunikationsabteilung informiert die Öffentlichkeit, etwa über Broschüren und Filme: All diese Abteilungen sowohl der Zentralbank als auch des Herstellers sind irgendwann beteiligt.

Wie viele Abstimmungsschleifen gibt es am Ende?

Es kann durchaus passieren, dass man eine Idee designt, nur damit sie die Entscheider verwerfen können. Denn manchmal müssen sie eine Idee erst sehen, um zu erkennen, dass sie zwar gut ist, gestalterisch aber nicht funktioniert.

Beim Design von Banknoten hat Sicherheit oberste Priorität. Inwiefern beeinflusst das den Designprozess?

Sicherheitsmerkmale bieten nur Sicherheit, wenn die Nutzer sie verstehen. Hier ist die Gestaltung gefragt. Wie ist ein Sicherheitsmerkmal zu designen, damit sein Effekt – etwa ein Farbwechsel – optimal erfasst wird? Das spielt allem voran eine wichtige Rolle, wenn man der Bevölkerung erklärt, worauf bei der Echtheitsprüfung zu achten ist. Je einfacher die Motive sind, desto eingängiger lassen sie sich für andere beschreiben. Auch ihre Position auf der Banknote sollte jeder schnell und eindeutig finden können. Zudem ist den meisten Sicherheitsmerkmalen ja eine gewisse Ambivalenz zu eigen – nicht selten weisen sie zwei Zustände auf, weil zum Beispiel die Farbe wechselt. In der Beschreibung zur Echtheitsprüfung müssen beide Zustände Berücksichtigung finden. Eine zusätzliche Mehrdeutigkeit durch ein nicht eindeutiges Motiv oder eine unklare Positionierung wäre da extrem kontraproduktiv.

Wie kann eine Banknote die Identität einer Nation oder eines Staatenverbunds prägen?

Tatsächlich sehe ich eine Banknote auch als Projektionsfläche von Identität: Alles, was auf einem Geldschein abgebildet ist, bringen Menschen automatisch mit dem in Verbindung, was sich innerhalb der Landesgrenzen befindet: etwa Kultur, Politik und Gesellschaft. Auf diese Weise kann die Banknote eine kulturelle Identität ausdrücken, sie teilweise sogar beeinflussen. Daraus wiederum erwächst eine nicht zu unterschätzende Verantwortung für die Designer und Konzepter.

„Die Welt des Banknotendesigns ist dem modernen Städtebau verwandt.“
Adrian Heuberger, Senior Expert Currency Development

Wie hat sich Ihre Arbeit in den vergangenen Jahren verändert?

Ich würde behaupten: Die Erwartung an das Design einer Banknote und die Geschichte, die in Bildern erzählt wird, ändern sich mit dem natürlichen Wandel, den eine Gesellschaft vollzieht. Was das Format betrifft, so geht der internationale Trend von der horizontalen (Querformat) zur vertikalen (Hochformat) Gestaltung einer Banknote, weil das als moderner gilt. Ebenso rücken viele Länder davon ab, Porträts von berühmten Persönlichkeiten abzubilden. Kulturelle Identifikationsangebote für die Bevölkerung sollen nicht länger nur aus der Vergangenheit kommen. Vielmehr sucht man nach einer Identität, die im Hier und Jetzt verankert ist. Dies ist sicher nicht zuletzt einer fortschreitenden Pluralisierung und Individualisierung der Gesellschaft geschuldet. Gleichzeitig glaube ich, dass sich die Banknoten länderunabhängig immer mehr ähneln. Denn die meisten Staaten wollen heutzutage ihre kulturelle Vielfalt, ihren Wissenschaftsstandort, ihre wirtschaftliche Bedeutung, ihre internationalen Beziehungen sowie ihre humanitären und ökologischen Bestrebungen porträtieren. In dieser Hinsicht ist die Welt des Banknotendesigns dem modernen Städtebau verwandt. Menschen reisen in Städte entfernter Länder und treffen dort das an, was sie von zu Hause kennen: Es gibt einen McDonald’s, einen Starbucks, einen H&M-Shop.

Was macht die Eurobanknoten aus ästhetischer Sicht aus? Worauf wurde hier besonders Wert gelegt?

Alle auf den Euroscheinen abgebildeten Gebäude sind Fiktionen. Wären sie real, dann wäre es ja auch ihre geografische Lage: Ein jedes von ihnen hätte einen geografisch eindeutig bestimmbaren Standort in einem der heute 27 Mitgliedsstaaten. Da es aber weniger unterschiedliche Euroscheine als Mitgliedsstaaten gibt, hätte das zur Folge, einige Länder zu bevorzugen und andere zu diskriminieren. Für eine Banknotenkonzeption, die nicht zuletzt den Zusammenhalt akzentuieren soll, wäre das verheerend.

Das Bezahlverhalten verändert sich, besonders im Ausland nimmt die Bedeutung elektronischer Zahlungsmittel rasant zu. Können Sie sich eine Welt ohne Bargeld vorstellen?

Bereits heute vollzieht sich ja ein Großteil aller Transaktionen immateriell, das heißt ohne Entsprechung in der physischen Realität. Daran knüpft sich unmittelbar eine weitere Frage: Hat die Tatsache, dass die Welt sich ohne Bargeld weiterdreht, Implikationen für die Antwort auf die Frage, was Geld ist? Ich würde sagen: ja. Denn falls die Welt ohne Bargeld funktioniert, dann können wir ableiten: Geld ist mehr als bloß Bargeld. Geld funktioniert auch ohne die physische Entsprechung einer Banknote, das heißt rein immateriell. Und womöglich ist gerade das immaterielle Geld sogar das ehrlichere Geld.

Wie meinen Sie das?

Das Wesen des Gelds definiert sich dadurch, dass es nirgendwo Halt macht. Mit Geld lässt sich – beinahe – alles kaufen. Es sprengt jegliche Grenzen, die ihm entgegengesetzt werden. Also lässt es sich auch nicht in das Korsett von etwas Materiellem zwängen. Entsprechend könnte man argumentieren, dass dasjenige Geld, das sich vom Materiellen befreit hat – also ein elektronisches Zahlungsmittel –, dem eigentlichen Wesen des Gelds gerechter wird. Etwas überspitzt formuliert: Je weniger materieller Ballast einer Geldform anhaftet, desto mehr ist sie Geld. Geld ist so abstrakt, dass es dem Nichts gleichkommt. Erstaunlicherweise leistet jedoch gerade dieses Nichts taugliche Dienste, um den Wert der Dinge zu bemessen und Handel mit ihnen zu betreiben.

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