30 Jahre Mauerfall: Bundesdruckerei-Erinnerungen an die innerdeutsche Teilung

Headergrafik Mauerfall

Die Bundesdruckerei und ihre Mitarbeiter verbinden mit dem Bau und dem Fall der Berliner Mauer viele Erinnerungen und Emotionen. Schließlich verlief sie unmittelbar an der Firmengrenze. Wir erinnern uns.

Die sicherste Firmengrenze der Welt

„Am 9. November jährt sich der Tag des Mauerdurchbruchs, eine der glücklichsten Nächte in der deutschen und europäischen Geschichte. Das wichtigste Wort dieser Nacht und der Tage danach war: Wahnsinn.“1 Mit diesen Worten erinnert sich der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse an den Fall der Mauer im Jahr 1989. Auch die Bundesdruckerei und ihre Mitarbeiter verbinden mit der Mauer und der Wende viele Erinnerungen und Emotionen.

Die Bundesdruckerei ist so eng mit der Geschichte Deutschlands verbunden wie wenige andere Unternehmen. Auch beim Bau und Fall der Berliner Mauer war sie nah am Geschehen – der „antifaschistische Schutzwall“ lief unmittelbar am Unternehmen entlang. „Deshalb haben wir damals oft gesagt, dass wir die sicherste Firmengrenze der Welt haben“, schmunzelt Torsten Krause, seit 1986 im Personalwesen der Bundesdruckerei tätig.

Die inzwischen pensionierte Übersetzerin Uschi Birkel zog 1978 für den Job bei der Bundesdruckerei von Pirmasens nach Berlin. Zuvor wohnte sie in Rheinland-Pfalz nah an der französischen Grenze, an der es nur lockere Kontrollen gab. In Berlin hingegen war alles anders. „Viele Kollegen hatten sich über die Jahre an die Mauer gewöhnt, aber ich fand sie sehr befremdlich“, erinnert sie sich. Auch die Fahrten mit der U6 von Tegel bis zur Kochstraße zur Arbeit waren gewöhnungsbedürftig: „Ich musste täglich Ostberlin durchqueren. Man fuhr durch abgedunkelte Geisterbahnhöfe, bis es schließlich hieß: ‚Erster Bahnhof Berlin-West‘“, blickt sie zurück.

Am 9. November 1989 öffnete sich in Sichtweite der Zentrale der Bundesdruckerei die Berliner Mauer. Dieser Tag hat Geschichte geschrieben und viele unserer Mitarbeiter waren hautnah dabei. 30 Jahre danach erinnern wir uns an die Wende, die auch die Bundesdruckerei veränderte.

450 Grenzgänger vorsorglich umgesiedelt

Für die Bundesdruckerei waren mit dem Bau der Mauer unmittelbar am Firmengelände prägende Ereignisse und Anekdoten verbunden. 81 Mitarbeiter, die im Ostteil der Stadt wohnten, durften von einem Tag auf den anderen nicht mehr zur Arbeit gehen. In den Vorjahren hatte die Bundesdruckerei vorsorglich bereits 450 Grenzgänger aus der Belegschaft in westliche Bezirke umgesiedelt. Schicksale, die sich in diesen Tagen allenthalben in der Stadt abspielten.

Auf die ständige Beobachtung durch die bewaffneten Wachposten reagierten manche Mitarbeiter mit Gegenbeobachtung: Einige zückten Ferngläser, um die Wachposten auf sich aufmerksam zu machen, und blinkten dann – zum Ärger der Grenzer – mit einem Spiegel hinüber.

Mauerausbau 1966

Beim Mauerausbau 1966 beobachteten Grenzposten das Gelände der Bundesdruckerei. © Bundesdruckerei

Eine der Herausforderungen: die Exklave Berlin versorgen

Mit der Entspannungspolitik beider deutscher Staaten und dem Transitabkommen von 1971 entfielen schließlich etliche Hürden auf den Verkehrswegen von und nach Westberlin. Doch die Versorgung der Exklave unterlag weiterhin eigenen Gesetzen: Rohstoffe wie Papier mussten über Tempelhof und Tegel ein- und fertige Druckerzeugnisse ausgeflogen werden. Das war für die Deutsche Bundesbank eine kostspielige Angelegenheit. 1979 fragte das Institut bei der Staatsbank der DDR an, ob die Volkspolizei Geldtransporte auf dem Landweg geleiten könnte. Das Ministerium des Innern der DDR verweigerte die Unterstützung.

Berliner Mauer Bundesdruckerei

Die Berliner Mauer verlief unmittelbar entlang des Firmengeländes der Bundesdruckerei. © Bundesdruckerei

Nach dem Mauerfall lief der Maschinenpark Tag und Nacht

Die deutsche Teilung dauerte fast drei Jahrzehnte und ging mit dem Mauerfall vom 9. November 1989 zu Ende. Die Auftragslage zog deutlich an: Zehntausende Bundesbürger benötigten Reisepässe, um in die Noch-DDR zu reisen. Und nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 wurden nach und nach 16 Millionen Bürger aus der ehemaligen DDR mit neuen Personalausweisen und Reisepässen ausgestattet. Um diese Jahrhundertaufgabe zu bewältigen, strukturierte die Bundesdruckerei den Produktionsprozess um. Nun konnten mehr Identitätsdokumente und Banknoten produziert werden. Ein Dreischichtsystem wurde eingeführt, der Maschinenpark lief damit Tag und Nacht auf Hochtouren.

Wir haben eingestellt wie wild.
Torsten Krause, Mitarbeiter der Bundesdruckerei im Personalwesen

Das sorgte für einen enormen Personalbedarf. „Wir haben eingestellt wie wild“, sagt Krause. Mit den neuen Mitarbeitern „von drüben“ gab es anfangs manchmal ein paar Irritationen: „Es kam schon mal vor, dass ein Kollege nicht zur Arbeit erschien, sondern stattdessen zum Friseur oder einkaufen ging – ohne sich abgemeldet zu haben oder die Zeit nacharbeiten zu wollen“, lächelt Krause. Das sei in der DDR mit der niedrigeren Produktivität offenbar gängig gewesen. Aber es habe sich dann schnell gefügt und für ihn sei der Tag des Mauerfalls „der einschneidendste Tag“ seines Lebens.

„Ich will die Freiheit leben“

Einen riesigen obgleich nicht unmittelbaren Effekt hatte der Mauerfall auch auf das Leben von Bundesdruckerei-Mitarbeiterin Olga Kulikovska. Sie lebte damals mit ihrem Mann in der Ukraine. „Das waren für uns verrückte Zeiten, die Perestroika war in vollem Gange und man musste gucken, wie man sich über Wasser hält“, erinnert sie sich. Großgeworden direkt an der früheren Grenze der Sowjetunion in Czernowitz und aufgewachsen in der vermeintlichen Gewissheit, dass man sie niemals wird überwinden können, ist dank des Mauerfalls auch der Weg in die Welt für Olga Kulikovska ein Stück freier geworden. So konnte sie ihren Weg über die Grenze antreten, denn ihr wurde klar: „Ich will die Freiheit leben“.

Die Zäune im Kopf einzureißen, ist das Schwerste.
Olga Kulikovska, Mitarbeiterin der Bundesdruckerei in der Abteilung Innovations

Und so kam sie nach Zwischenstationen 1999 nach Berlin und 2010 zur Bundesdruckerei. „Ich dachte damals, dass die Mauer das Problem war und die war ja nun weg. Aber als ich nach Berlin kam, entdeckte ich, dass es Grenzen im Kopf gab. Hier hörte ich erstmals die Worte ‚Ossi‘ und ‚Wessi‘“, so Olga Kulikovska. Diese Zäune im Kopf einzureißen, sei das Schwerste und manche scheitern daran bis heute. Kulikovska ist bis heute eine Grenzgängerin: Wenn sie mit ihrem Mann spazieren geht, dann wählen sie gerne eine Route entlang des ehemaligen Mauerstreifens. „Und dann hüpfen wir immer noch mal nach links und mal nach rechts – jetzt sind wir im Osten, jetzt sind wir im Westen“, erzählt sie lächelnd. Aus Berlin will sie nicht mehr weg. Wegen der Freiheit. „Ich bin aufgeregt, wenn wir an einem Tisch sitzen und es werden da fünf verschiedene Sprachen gesprochen. Das macht Berlin für mich aus“, betont sie. „Auch ich trage hier zur Völkerverständigung bei – wie eine Botschafterin.“

"ZEIT Hauptstadtgespräch" in der Bundesdruckerei

Anlässlich des 30-jährigen Mauerfall Jubiläums fand am 13. November 2019 das „ZEIT Hauptstadtgespräch“ in der Bundesdruckerei statt. Zeitzeugen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft erinnerten sich an diesen historischen Moment und sprachen über ihre persönlichen Erlebnisse. Der Abend lud dazu ein, ein Stück deutscher Geschichte erlebbar zu machen. Lesen Sie mehr in unserem Nachbericht zum „ZEIT Hauptstadtgespräch“.

 

[1] Wolfgang Thierse: Rede zum 25. Jahrestag des Mauerfalls